Was ist der Dhikr? Gespräch

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Der Dhikr ist die zentrale Übung des Sufismus: die allein oder in der Gruppe vollzogene Wiederholung von Formeln und göttlichen Namen, die dem Koran entnommen sind. In diesem Gespräch erklärt Raphaël Feur, was das Wort bedeutet, woher diese Übung stammt, welche Rolle sie auf dem Weg spielt und warum sie durch einen Führer überliefert wird.

Gemeinsame Dhikr-Sitzung im Weg der Qadiriya Boutchichiya (Foto: Nabil Philippe)

Was bedeutet das Wort „Dhikr”?

Es bedeutet „Gedenken”, aber auch „Erinnerung” und „Wiederholung”. Im Sufismus bezeichnet dieses Wort die geistige Übung, die darin besteht, gewisse dem Koran entnommene Formeln sehr oft zu wiederholen. Das heilige Buch der Muslime fordert den Menschen nämlich dazu auf, sich häufig seines Herrn zu erinnern, und darum findet die Wiederholung der göttlichen Namen statt. Sie kann einzeln und mit leiser Stimme vollzogen werden, oder gemeinsam, im Allgemeinen mit lauter Stimme.

Ist diese Übung dem Sufismus eigen, oder fällt sie in den Rahmen des Islam?

Es ist eine zentrale Übung im Sufismus. Jedoch verrichten auch viele nicht-sufische Muslime Anrufungen, insbesondere nach jedem rituellen Gebet, wo es hergebracht ist, 33 Mal „Subḥānallāh” (Preis sei Gott), dann 33 Mal „Al-ḥamdu li-Llāh” (Lob sei Gott) und schließlich 33 Mal „Allāhu akbar” (Gott ist größer) zu rezitieren.

Handelt es sich um eine sehr alte Übung im Islam?

Sie geht auf die Quellen des Islam zurück. In den allerersten Anfängen war das kanonische Gebet noch nicht von Gott offenbart worden: In den ersten Jahren übten der Prophet Muhammad und seine Gefährten im Wesentlichen den Dhikr, insbesondere die Wiederholung des Namens „Allah”.

Welches ist die maßgebliche Anrufung im Sufismus?

Es ist der erste Teil des Glaubensbekenntnisses (schahāda): „Lā ilāha illā Llāh”, was man mit „es gibt keinen anderen Gott als Gott” übersetzen kann.

Welches ist die Funktion des Dhikr?

Der Prophet Muhammad sagte: „Alles hat ein Mittel, durch das es gereinigt werden kann, und das Mittel für das Herz ist der Dhikr”. Das Herz reinigen heißt, jede Form der Beigesellung bekämpfen, das heißt, zur göttlichen Einheit zurückkehren. Der Sufi kann in der Wiederholung von „Lā ilāha illā Llāh” die Antworten auf alle Fragen finden, die er sich stellt: Alles ist in dieser Formel zusammengefasst.

Wie kann die Wiederholung eines einzigen Satzes zu einer Form der Erkenntnis führen?

Man hält diese Art der Übung heute oft für einer anderen Epoche zugehörig. Dabei ist die Form der Erkenntnis, die der Dhikr bringt, grundlegend, denn durch ihn lernen wir, unser Ego kennen. Indem wir versuchen, unsere Konzentration auf die Gegenwart des Einen zurückzubringen, bemerken wir, wie sehr unser Denkvermögen zum Zerstreuen neigt. Indem wir gegen den Strom anschwimmen, der uns von einem Ding zum anderen mitreißt, ermessen wir die Kraft dieser Macht und die Schwierigkeit, gegen diese Neigung der Seele zu kämpfen: einfach da zu sein, jener Gegenwart lauschend, die uns in jedem Augenblick durchdringt. „Lā ilāha illā Llāh” kann auch übersetzt werden: „Alles ist relativ außer dem göttlichen Absoluten”. Die Freuden und die Schmerzen, die wir durchleben, gehören zum Relativen; nur die Tatsache zählt, die Spur des Absoluten in diesem Relativen zu finden.

Man befindet sich also im Herzen des muslimischen Glaubens: der göttlichen Einheit (tawḥīd)…

Der Koran versichert: „Wohin ihr euch auch immer wendet, dort ist Allahs Angesicht” (2:115). Der Dhikr lehrt uns nach und nach, unser Vertrauen nur auf Gott zu setzen und unsere Sicht der Ereignisse immer wieder zurechtzurücken.

Die Beteiligung des Körpers scheint wichtig. Gibt es eine Technik der Atemkontrolle?

Gewisse Sufi-Meister haben auf besondere Techniken bei den Dhikr-Sitzungen Wert gelegt. Doch wie der Koran sagt: „Die Blicke erfassen Ihn nicht, Er aber erfasst die Blicke” (6:103). Keine Technik kann systematisch zu Gott führen; dagegen kann Gott in Seiner Unendlichkeit zu jedem Augenblick kommen, um Sein Geschöpf durch einen Überfluss der Liebe zu berühren. Die Übung besteht also darin, unseren Blick auf Ihn zu richten und geduldig zu warten. Wer den Dhikr übt, gleicht dem Bauern, der sein Feld pflügt: Er hat nicht die Macht, den Regen fallen zu lassen, aber seine Arbeit ist unverzichtbar. Fällt der Regen auf ein ungepflügtes Feld, wird er für die Ernte nicht so segensreich sein wie auf ein bereitetes Feld.

Kann jeder den Dhikr üben?

Wenn man den Dhikr übt, vollzieht sich eine Form innerer „Öffnung” für Energien, die uns übersteigen. Nichts ist heikler, als sich zu „öffnen”: Man weiß nicht, wem man sich aussetzt, da es sich um einen für uns noch unbekannten Bereich handelt. So ist der Dhikr untrennbar vom Begriff der Ermächtigung (idhn) für die Rezitation der göttlichen Namen. Diese Ermächtigung kann nur von einem lebendigen geistigen Meister kommen, der selbst ermächtigt ist, diese Art der Übung zu übermitteln.

Die vorherige Ermächtigung ist also von der Übung des Dhikr untrennbar…

Sobald man sich auf ein geistiges Gehen begibt, ist es grundlegend, sich an einen authentischen Führer zu binden. All das geht weit über den bloß technischen Aspekt hinaus: Es ist eher die Ermächtigung des Sufi-Meisters, die die Wandlung des Herzens bewirkt, als die rezitierte Formel selbst. Ein Meister sagte übrigens zu seinen Schülern, sie brauchten sich um den Inhalt ihres Dhikr nicht zu kümmern, sobald er ihnen ordnungsgemäß innerhalb der Bruderschaft überliefert worden war.

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