Über den barzakh (2/3): die šahāda, der doktrinelle barzakh

Teil 2 von 3 · À propos du barzakh

Inhalt

Die janushafte Doppelgesichtigkeit, die dem barzakh eigen ist, seine doppelte Funktion der Verbindung und der Trennung im vertikalen Sinn, übersetzt sich auf der horizontalen Ebene in die Wechselfälle von Ausdehnung und Sammlung. Es sind dies selbstverständlich ebenso viele Aspekte desselben Komplementarismus. Auf einen elementaren logischen Ausdruck gebracht, lassen sich diese Dualitäten jeweils durch die Bejahung und die Verneinung darstellen.

Die šahāda, der doktrinelle barzakh schlechthin

Dies führt uns zu einer entsprechenden Anwendung der Formel der šahāda: lā ilāha illā-Llāh („es gibt keine Gottheit außer Der Gottheit“), die selbst der doktrinelle barzakh schlechthin genannt werden kann. Die wörtliche Übersetzung lautet: lā = nicht; ilāha = Gottheit; in = wenn und lā = nicht (zusammengezogen zu illā = außer); Allāh = Die Gottheit. Nach den arabischen Grammatikern ist der Name Allāh selbst ursprünglich aus dem bestimmten Artikel al und dem Substantiv ilāhu (Nominativform von ilāha, Akkusativ) zusammengesetzt.

Man teilt die Formel gewöhnlich in zwei Teile, von denen der erste, lā ilāha, an-nafī (die Verneinung) oder aṣ-ṣalb (die Aufhebung) genannt wird, und der zweite, illā-Llāh, al-iṯbāt (die Bejahung). Um die šahāda jedoch noch ausdrücklicher auf die Theorie des barzakh anzuwenden, wird man sie in drei Teile gliedern: lā ilāha, illā und Allāh. Und um sich die Natur der Landenge illā, die so zwischen dem „Meer“ der Verneinung (lā ilāha) und dem „Meer“ der Bejahung (Allāh) liegt, besser zu vergegenwärtigen, wird man sie in ihre Bestandteile zerlegen: die Partikel in (wenn), die eine Bedingung ausdrückt, und lā (nicht), die eine Verneinung ausdrückt.

Wenn man nun begriffen hat, dass die Partikel in eine bedingte Bejahung ist, da sie dem ilāhun (Nominativform von ilāha) die Wirklichkeit wiedergibt, unter der Bedingung, dass diese keine andere ist als die Wirklichkeit Allāhs, so wird man bemerken, dass Bejahung und Verneinung im illā in umgekehrter Reihenfolge enthalten sind im Verhältnis zu der Verneinung und der Bejahung, die die ganze Formel gleichsam „einrahmen“.

Diese Umkehrung ist naturgemäß keine bloße Frage der Wortstellung, denn, wie wir soeben andeuteten, ist die Partikel in der „Reflexionspunkt“ für die Gnade Allāhs, die sich bis zum illusorischen ilāhun erstreckt; was man sich vergegenwärtigen kann, indem man den Begriff ilāha durch irgendeinen positiven Begriff ersetzt: Dieser wird dann verneint, insofern er sich, wenigstens illusorisch, neben der Ipseität Allāhs behauptet, und er wird bejaht, sobald er sich wesenhaft oder prinzipiell mit der Ipseität Allāhs identifiziert.

Andererseits tritt das zweite Element des illā, die negative Partikel lâ, gewissermaßen als „Reflexionspunkt“ des ersten Teils der šahāda auf, der aus der Verneinung lā ilāha gebildet ist: Das erste lā der Formel verneint den Begriff der „Gottheit“, der durch die unbestimmte Form ilāhun ausgedrückt wird, während das zweite lā denselben Begriff in der bestimmten Form Allāh (Die Gottheit) vereinzeln lässt, die hier die Unvergleichbarkeit versinnbildlicht und nicht die Bestimmung im einschränkenden Sinn dieses Wortes.

Der Ausdruck illā zeigt also sehr deutlich die beiden Funktionen des barzakh, die zum einen in der Vermittlung im „aufsteigenden“ Sinn bestehen, das heißt im Übergang vom Manifesten zum Nichtmanifesten, ein Übergang oder eine Verwandlung, der stets den blinden Punkt eines Erlöschens oder eines Todes durchquert; und dieser Punkt ist zugleich der Umkehrpunkt der Beziehungen.

Die šahāda zeigt, dass diese zwei scheinbar entgegengesetzten Aspekte in die Auffassung der „Nicht-Andersheit“ integrierbar sind, eine Auffassung, die selbstverständlich den Bereich der Vernunft übersteigt und die gerade deshalb ihrem Ausdruck, der šahāda, einen gewissen Anschein von Pleonasmus verleiht.

Der vollkommene Mensch, der barzakh schlechthin

Die verschiedenen Aspekte des barzakh werden übrigens in der Zeichnung des Salomonischen Siegels dargestellt, und das führt uns dazu, das Verhältnis des barzakh zum „vollkommenen Menschen“ (al-insān al-kāmil) zu betrachten, der, indem er die konstitutive Analogie von Mikrokosmos und Makrokosmos ausdrückt, in der Tat der barzakh schlechthin ist oder, was auf dasselbe hinausläuft, das Symbol schlechthin.

Der vollkommene Mensch ist im Islam Muḥammadun, der in sich das ganze ḥamd begreift, den positiven Aspekt des Daseins. Die wesentlichsten Namen des Propheten des Islam sind: ʿAbd Allāh, „Diener Allāhs“; Aḥmadun, „der beste der Lobpreisenden“; Muḥammadun, „der beste der Gelobten“. Aḥmadun gilt als der esoterische Aspekt des Muḥammadun.

Die barzakh-Rolle des Muḥammadun wird durch die zweite der beiden šahāda ausgedrückt: Muḥammadun rasūlu-Llāh, „Muhammad ist der Gesandte Allāhs“. Vergleicht man die beiden Grundformeln, lā ilāha illā-Llāh und Muḥammadun rasūlu-Llāh, so ist zu bemerken, dass der barzakh in der ersten vor allem unter seinem verwandelnden Aspekt erscheint (illā = außer), in der zweiten unter seinem Aspekt des Vermittlers und Bewahrers (rasūl = Gesandter).

Nach diesen Betrachtungen sei noch eine sufische Auslegung des Verses der Sure ar-Raḥmān erwähnt: „Er hat den beiden Meeren freien Lauf gelassen; sie treffen aufeinander, zwischen ihnen ist aber ein trennendes Hindernis (barzakh), das sie nicht überschreiten“ (Koran 55,19-20). Die fragliche Auslegung bezieht sich auf den vollkommenen Menschen und besteht in der Behauptung, der Prophet sei die „Landenge“, und die „beiden Meere“ seien jeweils sayyidinā ʿAlī, der esoterische ḫalīfa (Stellvertreter) schlechthin, und sayyidatinā Fāṭima, die Tochter des Propheten, Gattin ʿAlīs, von der Überlieferung als vollkommene Frau angesehen.

Von Titus Burckhardt.

Werk des Künstlers Adam Williamson

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