Ein symbolischer Zugang zum Koran (2/3): die innere Disposition
Inhalt

Die symbolische (und nicht allegorische) Hermeneutik der Mystiker des Islam ist keineswegs eine Analyse des heiligen Textes, sondern ein Versuch, zur ontologischen Wirklichkeit des Symbols vorzudringen, das „sich über allen geistigen Konstruktionen befindet. Der Mensch erschafft keine Symbole. Er wird durch sie verwandelt. Und so verwandelt und formt der Koran die menschliche Seele neu, durch die Sinnwelten, die geheim in jedem seiner Sätze wohnen. Nun ist es wesentlich zu verstehen, dass wir den inneren Sinn des Korans nicht erreichen können, solange wir nicht in die tiefsten Dimensionen unseres Wesens vorgedrungen sind.
Wenn wir uns dem Koran auf oberflächliche Weise nähern und wenn wir selbst oberflächliche Wesen sind, an der Oberfläche unseres Daseins, ohne Bewusstsein unserer Wurzeln, so wird uns der Koran gleichfalls nur eine oberflächliche Bedeutung zu haben scheinen. Er wird uns seine Geheimnisse verbergen, und wir werden sie nicht zu durchdringen vermögen. Durch geistige Arbeit erwirbt der Mensch die Möglichkeit, zum inneren Sinn des heiligen Textes vorzudringen, nämlich durch die symbolische Deutung des Buches, während der tafsīr die Erklärung seines äußeren Aspekts ist”1.
Die innere Disposition
Damit tritt die Ambivalenz des Symbols in den Schriften zutage: es verhüllt und enthüllt zugleich, und die Wahrheit, die es offenbart, ist die, die wir zu empfangen fähig sind, ebenso wie wir die Schönheit nur in dem Maße erkennen, in dem wir sie wahrzunehmen fähig sind:
Der Kalif sagte zu Laylā: „Wegen dir ist Maǧnūn wahnsinnig geworden? Aber du bist doch nicht besser als die anderen!“
„Schweig!“, antwortete sie. „Denn auch du bist nicht Maǧnūn”2.
Rūmī, dessen ganzes Werk in Dichtung oder Prosa einen Kommentar zum Koran bildet, schreibt hierüber3:
Der Koran ist wie eine junge Braut: du versuchst, ihren Schleier zu lüften, und sie zeigt dir ihr Angesicht nicht.
In dem Augenblick, da die junge Braut, die der Sinn des Korans ist, ihren Schleier lüftet, ist das Reich des Glaubens frei von Trübung.
Gibt dir die Prüfung des Korans keine Genugtuung und enthüllt er dir nichts, so deshalb, weil er sich weigert, dass du ihm den Schleier lüftest; er hat dich überlistet, indem er sich hässlich zeigte; er sagt dir: „Ich bin nicht diese Schönheit“. Der Koran vermag sich in der Erscheinung zu zeigen, die er will. Doch wenn du nicht versuchst, ihm den Schleier abzunehmen, sondern zu seinem Wohlgefallen wirkest, sein Feld bewässerst und ihm von ferne durch alles, was ihm Genugtuung geben kann, dienst, dann wird er sich dir zeigen, ohne dass du ihm den Schleier lüftest.
Der Akzent liegt hier auf der inneren Haltung dessen, der sich bemühen wird, einen verborgenen Sinn aus einem offenbaren Sinn zu gewinnen. Und da es im Islam keine dogmatische Lehramtsinstanz gibt, wird sich die Begegnung auf der Ebene eines Dialogs zwischen dem offenbarten Wort und dem Geist, der es aufnimmt, vollziehen, und es ist das Eigentümliche des Symbols, wie wir sagten, eine Vereinigung zwischen verschiedenen Ebenen zu bewirken. Es wird also als das erscheinen, was es dem Verstand erlaubt, seine gewöhnlichen Grenzen zu überschreiten: so kann jeder Gegenstand zu einem Symbol der Schönheit werden, die selbst Symbol des Unsagbaren ist. Allein die symbolische Deutung (taʾwīl) wird vermögen, vom Äußeren zum Inneren zurückzuführen (vom ẓāhir zum bāṭin), indem sie diese konzentrischen Bedeutungen durchquert, die den koranischen Symbolen eigen sind. Und dazu begegnet uns wieder die Notwendigkeit des istinbāṭ, der zugleich Spannung und Empfänglichkeit ist: Spannung auf ein Überschreiten hin dank des persönlichen Bemühens, aber auch Öffnung zu einer intuitiv, synthetisch, ohne diskursive Bewegung wahrgenommenen Wirklichkeit hin, in der sich die Gegensätze zu einer weiteren Einheit versöhnen; es handelt sich stets um eine wiederherzustellende Fülle, wie das symbolon, jene Münze, die erst dann ihren Wert hat, wenn ihre beiden Hälften zusammengefügt sind.
Die Reinheit des Herzens
Um dieser Erfassung fähig zu sein, wird der Geist geläutert sein müssen wie ein fleckenloser Spiegel, befreit vom „Rost auf dem Herzen” (Koran 83,14) sowie von den müßigen Gedanken, die sich vor das Licht schieben. Al-Ġazālī (1058-1111) spricht so von der Erkenntnis des Herzens:
Stellt euch vor, sagt er, einen in die Erde gegrabenen Teich. Man kann ihn füllen, indem man das Wasser der Bäche leitet, die durch ein höher gelegenes umliegendes Terrain fließen. Man kann auch bis zu einer höher gelegenen Schicht graben, wo das Wasser der Quellen hervorsprudelt. Das Becken stellt das Herz dar, das Wasser der Bäche die durch die Sinne vermittelte Erkenntnis. Sperrt die Sinne ein durch Einsamkeit und Zurückgezogenheit, und reinigt euer Herz, damit die inneren Quellen es mit Erkenntnissen füllen können4.
Rūmī betont die Notwendigkeit einer Askese und zitiert diesbezüglich das Wort des Korans: „Reinigt Mein Haus” (2,125). Berichtet die Überlieferung nicht, dass das Herz des Propheten mit Schnee gewaschen wurde5? Und ein ḥadīṯ qudsī bekräftigt, dass der Herr im Herzen Seines gläubigen Anbeters enthalten ist. Zum Bemühen wird die göttliche Gnade sich gesellen:
Jeder […] sieht die unsichtbaren Dinge im Maß der Politur des Spiegels des Herzens.
Je mehr er poliert, desto mehr sieht er, und desto sichtbarer wird ihm die Form der unsichtbaren Dinge.
Sagst du, diese geistige Reinheit werde durch die Gnade Gottes verliehen, so kommt auch dieses Gelingen, das Herz zu polieren, aus dieser göttlichen Freigebigkeit.
Dieses Bemühen und dieses Gebet stehen im Verhältnis zur Eingebung dessen, der betet. „Dem Menschen kommt nur das zu, wonach er gestrebt hat” (Koran 53,40)6.
Die Mystiker des Islam haben diese innere Verfügbarkeit oft mit der Jungfräulichkeit Marias verglichen. „Unsere Bewusstseine, sagte al-Ḥallāǧ, sind eine einzige Jungfrau, in die allein der Geist der Wahrheit eindringen kann”7. Und wenn der Prophet des Islam ungelehrt (ummī) war, geschah das nicht, damit sein Geist frei von allem Wissen blieb, das sich dem Empfang der Botschaft entgegenstellte?
Von Eva de Vitray-Meyerovitch. Auszug aus Universalité de l’islam*, Albin Michel, 2014.*

Vertiefende Lektüre
- Ein symbolischer Zugang zum Koran (1/3): Gleichnisse und verborgener Sinn
- Ein symbolischer Zugang zum Koran (3/3): die wohlverwahrte Tafel
- Was ist der ḏikr?
Footnotes
-
Seyyed Hossein Nasr (geb. 1933), Islam, perspectives et réalités, S. 71-75, éd. Buchet-Chastel, 1994. ↩
-
Rūmī, Mathnawī, I, 407-408, Übers. E. de Vitray-Meyerovitch und Djamshid Mortazavi, éd. du Rocher, 2004. ↩
-
Rūmī, Le Livre du dedans, Übers. E. de Vitray-Meyerovitch, Albin Michel, 1997. ↩
-
Al-Ġazālī, La Revivification des sciences de la religion, Bd. III, 20, Übers. A. Massouli, Entreprise nationale du livre, Algier, 1985. ↩
-
Sidi Hamza al-Qādirī Būdšīš (1918-2017) knüpft die Reinheit des Herzens an die Praxis des ḏikr, wie er sie seinen Schülern empfiehlt: „Versucht, euer Inneres rein und lauter zu halten. Der ḏikr, den ihr praktiziert, wird das zum Austritt bringen, was an Unreinem verbleibt.“ ↩
-
Rūmī, Mathnawī, IV, 2909 ff., Übers. E. de Vitray-Meyerovitch und Djamshid Mortazavi, éd. du Rocher, 2004. ↩
-
Zitiert bei Louis Massignon, Eranos-Jahrbuch, XV, 1947. ↩




