Im Kontakt mit šayḫ ʿAbd al-Wāḥid Yaḥyā: drei Zeugnisse über René Guénon

Inhalt

Zeugnisse von Jean-Louis Michon, šayḫ ʿAbd al-Ḥalīm Maḥmūd und Martin Lings.

Die Éditions Arché Milano haben soeben L’Ermite de Duqqi : René Guénon en marge des milieux francophones égyptiens herausgegeben. Dieses Werk versammelt namentlich eine Menge von Artikeln über René Guénon, die in den 1950er-Jahren in der ägyptischen Presse erschienen sind, sowie mehrere Zeugnisse von Nahestehenden. Wir haben daraus gewisse besonders aufschlussreiche Passagen über Guénons Privatleben in seiner Villa in Kairo ausgewählt.

Das Zeugnis von Jean-Louis Michon

Ich verspürte ein großes Verlangen, den zu treffen, der durch sein Werk und seine diskrete Lenkung so viel dazu beigetragen hatte, uns einen Weg zur Wahrheit zu bahnen. Die Vorsehung erleichterte dieses Vorhaben, indem sie mir eine Stelle als Englischlehrer am französisch-arabischen Lyzeum von Damaskus verschaffte. Und von dort aus konnte ich anlässlich meiner ersten Schulferien, zu Ostern des Jahres 1947, nach Kairo reisen, wo Guénon angenommen hatte, mich zu empfangen. Es war mein Freund Martin Lings, damals Dozent für englische Literatur an der Universität Fuād, der mich zu René Guénon führte, mit dem er in fast täglichem Kontakt stand. Guénon bewohnte im Viertel Duqqi eine bescheidene Villa, die er „Fāṭima“ getauft hatte, nach dem Namen seiner Gattin, einer šarīfa (Nachfahrin des Propheten Muḥammad), die ihm bereits zwei Töchter gegeben hatte: Ḫadīǧa und Laylā, damals etwa 3 und 1 Jahr alt. […]

Die Erinnerung an diesen ersten Besuch in der Villa Fāṭima verschmilzt heute mit der aller Besuche, die ich ihm später abstatten durfte, im Verlauf derselben Osterwoche, dann während des Sommers desselben Jahres 1947, und später im März-April 1948 und im Juli 1949. Um ihre Atmosphäre wiederzugeben, kann ich nichts Besseres tun, als das zu zitieren, was ich am 5. April 1947 nach meiner Rückkehr aus Kairo von Damaskus an meine Eltern schrieb: „Dieser Aufenthalt hat mir erlaubt, René Guénon oft zu besuchen, dessen Gesundheit nun wiederhergestellt ist und der gewiss einer der einfach wohlwollendsten Männer ist, die man treffen kann.“

Ich habe im Verlauf dieser drei Jahre viele Stunden in dem Raum verbracht, in dem šayḫ ʿAbd al-Wāḥid arbeitete, in einem Lehnstuhl sitzend rechts neben dem Schreibtisch, an dem er arbeitete und den er zu keinem Moment verließ, außer um zu den vorgeschriebenen Stunden im Nebensalon zu beten. Er schrieb mit seiner regelmäßigen, leicht nach vorn geneigten Handschrift, kräftig aufgedrückt und ohne Streichungen, und unterbrach sich nur, um eine feine Zigarette anzuzünden, die er der auf seinem Tisch liegenden Schachtel entnahm, oder um mit seiner dumpfen, ein wenig zitternden Stimme einige Betrachtungen über den Gegenstand seines Briefes oder über das Thema des Artikels abzugeben, den er gerade für die nächste Nummer der Études traditionnelles verfasste. Manchmal kam seine Gattin oder der junge, dem Haus zugetane Diener, um ihn um einen der kleinen Gegenstände zu bitten, die er in einer Schublade seines Schreibtisches zusammenhielt: Streichhölzer, eine Schere, ein Bindfadenknäuel… Seine Gattin wandte sich sanft an ihn und redete ihn mit dem Titel ustāḏ, „Professor“, an. Sie konnte von der Ältesten der Töchter begleitet sein und die Kleinste im Arm tragen. Der šayḫ empfing sie zärtlich, das Gesicht von einem großen Lächeln erhellt, und er versäumte es nicht, aus der Überraschungsschublade irgendeine Süßigkeit hervorzuholen, derer sich die Töchter entzückt bemächtigten… So fühlte ich mich wie zur Familie gehörig, indem ich die Sorgen des Schriftstellers René Guénon und die des Familienoberhaupts teilte. […]

Zu der Zeit, als ich ihn kannte, verließ šayḫ ʿAbd al-Wāḥid sein Haus nur noch zweimal im Jahr: einmal in Gesellschaft eines „Bruders auf dem Weg“, Seyyid Ramaḍān, um am Grab seines Meisters zu beten, des šayḫ ʿAbd ar-Raḥmān Illayš al-Kabīr, dem Das Symbolismus der Kreuzes gewidmet ist. Von diesem Sufi-Meister maghrebinischer Herkunft zeigte er mir eines Tages die Fotografie: ein schönes, sehr gebräuntes Greisengesicht, in einen hayk gehüllt. Was den zweiten Ausgang aus der Villa Fāṭima angeht, so handelte es sich um einen Landpartie, bei der die Familie vollzählig war: alle begaben sich im Taxi in den Garten und das Haus von Martin Lings, nahe den Pyramiden von Gizeh. Ich hatte das Glück, während des Sommers 1947 an einem dieser Tage teilzunehmen, an denen šayḫ ʿAbd al-Wāḥid, fern seiner gewohnten Sorgen, gelöst und aufmerksam für alles erschien, was um ihn herum geschah. […]

Im Juli 1949, zu Beginn des Monats Ramaḍān, wurde ich eingeladen, das Fasten zu brechen. Ich fand ihn auf dem Diwan des Salons ausgestreckt, und er erklärte mir, dass das Fasten ihn derart ermüde, dass er nur nachts arbeiten könne, wobei der Tag dem Gebet und der Ruhe gewidmet sei. Sobald der Kanonenschuss erklang, der den Sonnenuntergang ankündigte, brachte uns Ḥaǧǧa Fāṭima eine Tasse türkischen Kaffee, die getrunken wurde, während wir eine Zigarette anzündeten. Danach vollzog šayḫ ʿAbd al-Wāḥid das maġrib-Gebet, dessen Bewegungen ich hinter ihm verfolgte. Nach einem ausgezeichneten ägyptischen Mahl und einer friedlichen Abendwache nahm ich vom šayḫ und seiner Familie Abschied. […] Ein Jahr später, im November 1950, erkrankte er ernsthaft, zugleich mit seinen drei Kindern. Alle wurden mit bewundernswerter Hingabe von Ḥaǧǧa Fāṭima gepflegt, die doch zum vierten Mal schwanger war. Aber sein Körper, schon durch frühere Krankheitsepisoden und durch Bewegungsmangel geschwächt, widerstand diesem letzten Angriff nicht…

Das Zeugnis des šayḫ ʿAbd al-Ḥalīm Maḥmūd

Nachdem ich meine Doktorarbeit verteidigt hatte, verließ ich Paris, um nach Ägypten zurückzukehren. Gleich bei meiner Ankunft in Kairo hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als mich in den Vorort Dokki auf die Suche nach šayḫ ʿAbd al-Wāḥid Yaḥyā zu begeben. In der Nawal-Straße klopfte ich an die Tür der Villa Fāṭima […] und bat das Dienstmädchen, den šayḫ zu ersuchen, mich zu empfangen. Wenige Augenblicke später erschien das Dienstmädchen wieder, eine Holzbank von recht bescheidenem Ansehen tragend, und bat mich, mich darauf zu setzen und einen Moment zu warten. Ich wartete an der Tür, fast auf der Straße. Die Minuten vergingen, und ich begann, das Warten lang zu finden. Das Dienstmädchen zeigte sich in der Diele, und sobald ich es sah, erhob ich mich von meinem Sitz, da ich glaubte, es komme, um mich zu seinem Herrn vorzuführen. Einige Zeit später kam es, um mich zu bitten, am folgenden Tag um elf Uhr morgens wiederzukommen. Ich verließ das Haus, nicht ohne ein Gefühl der Überraschung und der Scham, aber mit dem wohlgefassten Vorsatz, diesen šayḫ zu sehen, der seine Besucher auf der Straße warten ließ und sie verabschiedete, indem er sie bat, am nächsten Tag wiederzukommen.

Am folgenden Tag war ich genau zur Verabredung da, aber nicht glücklicher als beim vorigen Mal. Der šayḫ ließ mich durch sein Dienstmädchen bitten, ihm zu schreiben, was ich ihn zu fragen hätte; er würde mir auf die Fragen antworten, die ich ihm stellen würde. Ich zog mich nach dem Scheitern dieses zweiten Versuchs zurück. Ich schrieb ihm nicht. Die Antworten, die er auf die Fragen hätte geben können, die ich ihm gestellt hätte, interessierten mich nicht so sehr wie seine Begegnung. […]

Wir fassten eines Tages den Entschluss, Herr Madero, der argentinische Botschafter in Kairo, und ich, den Damm zu durchbrechen, den der šayḫ ʿAbd al-Wāḥid zwischen sich und der Welt errichtet hatte. Ich werde mich immer an jenen Tag erinnern, an dem wir an die Tür der Villa Fāṭima klopften. Ein Greis, groß von Gestalt, das Gesicht erleuchtet, von imposanter Erscheinung, mit leuchtenden Augen, öffnete uns. Nach dem traditionellen Austausch des Grußes fragte er uns nach dem Gegenstand unseres Besuchs. Der Botschafter überbrachte ihm die Grüße eines Freundes. Kaum hatte der alte Mann dessen Namen gehört, als er uns einlud, bei ihm einzutreten. Während unseres Besuchs bewahrte er das Schweigen, und ohne die Diplomatie des Botschafters hätten wir uns in einer recht peinlichen Lage befunden. Herr Madero brach das Schweigen nämlich, indem er den Ansichten des šayḫ ʿAbd al-Wāḥid eine lebhafte Huldigung darbrachte. Aber dieser ließ deswegen nicht von seinem Stillschweigen ab. Bevor wir uns zurückzogen, fragten wir ihn, ob er uns erlaube, ihm einen weiteren Besuch abzustatten, was er sehr freundlich annahm. […]

Unsere Besuche beim šayḫ folgten danach aufeinander. Er sprach lange mit uns und legte vor allem Wert darauf, uns mitzuteilen, dass nur die Zudringlichen, die Zeit für persönliche und nichtige Reden zu verlieren haben, glauben, er sperre sich in Einsamkeit ein. Wir fühlten uns geschmeichelt, ihn sagen zu hören, dass wir, da er in uns den aufrichtigen Wunsch zu verstehen wahrgenommen habe, ihn zu jeder beliebigen Zeit besuchen könnten.

Später gelang es uns, ihn aus seiner Behausung herauszuholen und ihn zur Moschee des Sultans Abū l-ʿAlā zu begleiten, wo wir Zeremonien zur Rezitation des Namens Allāhs veranstalteten. Man sah ihn im Verlauf dieser Versammlungen zunächst unverständliche Worte murmeln und von leichten Zuckungen ergriffen. Dann wurden die Worte, die er aussprach, deutlicher und die Zuckungen stärker, worauf dann eine tiefe Sammlung folgte. Wenn es mir vorkam, ihn daran zu erinnern, dass die Stunde des Aufbruchs gekommen sei, erwachte er mit einem Ruck, als käme er aus sehr fernen Gegenden zurück.

Die Zeit verging. Der Botschafter verließ Ägypten, und der šayḫ starb und ließ mir die schönsten Erinnerungen.

Der Tod René Guénons, von Martin Lings

Ich denke, dass ihr die Nachricht vom Tode des šayḫ ʿAbd al-Wāḥid schon erhalten habt, der, dessen bin ich gewiss, in der Gnade des göttlichen Segens ruht. All dies kam für uns unerwartet. Nach dem Besuch von ʿAbd aṣ-Ṣabūr habe ich ihn überredet, einen Arzt zu sehen. Er hat sich vollständig geweigert, sein Blut untersuchen zu lassen, hat sich jedoch ganz einer ärztlichen Behandlung unterworfen. Sein Bein, das ihm große Schmerzen verursacht hatte, schien sich wieder zu erholen, und vier Tage vor seinem Tod schien der Arzt zu meinen, er sei außer Gefahr. Er scheint vierundzwanzig Stunden vor seinem Tod ins Koma gefallen zu sein, der nach Ansicht des Arztes weniger irgendeiner besonderen Krankheit geschuldet ist als einer allgemeinen Schwäche verschiedener Organe, einer Art vorzeitiger körperlicher Senilität, Folge einer vollständigen Sesshaftigkeit, verbunden mit einer unangebrachten Diät.

Seine letzte Krankheit dauerte einen Monat. Während dieser Zeit war er ganz unfähig zu schreiben, und er las praktisch nichts, da er an seiner Post kein Interesse zu nehmen schien. Während der letzten Tage hatte er offensichtlich das Bewusstsein, dass er verloren war, und am letzten Abend (er starb gegen zwei Uhr in der Nacht vom 7. zum 8. Januar 1951) vollzog er ganz einen heftigen ḏikr, gestützt von den Armen seiner Frau und seiner Verwandtschaft, der ihn umso mehr erschöpfte, als er es zuvor war. Man sagt, dass sein Schweiß an jenem Tag den Duft der Blumen hatte. Gegen Ende bat er sie um die Erlaubnis zu sterben, als könnte er den Augenblick seines Todes wählen; doch da sie ihn anflehten, noch ein wenig zu bleiben, sagte er schließlich zu seiner Frau: „Ich muss jetzt sterben; ich habe genug gelitten“, und er sagte „mit dem Schutz Allāhs“, und er starb unmittelbar nach zwei Anrufungen.

Seine scheinbar vollkommen gesunde Katze begann zu wimmern, und einige Stunden später starb auch sie.

Ich habe zu sagen vergessen, dass der šayḫ ʿAbd al-Wāḥid am Tage seines Todes seine Frau verwirrte, indem er ihr sagte, dass sie nach seinem Tod alles in seinem Zimmer genau so lassen müsse, wie es sei. Niemand dürfe seine Bücher und seine Papiere berühren. Er sagte, dass er sonst nicht mehr imstande sein würde, sie zu sehen, noch seine Kinder, dass er aber, wenn sein Zimmer nicht verändert würde, sie immer sehen könnte, obgleich sie ihn nicht sähen.

Martin Lings (Abū Bakr Sirāǧ ad-Dīn), Brief an Frithjof Schuon.

René Guénon (ʿAbd al-Wāḥid Yaḥyā) im Jahre 1925

René Guénon (ʿAbd al-Wāḥid Yaḥyā)

Martin Lings

Martin Lings

ʿAbd al-Ḥalīm Maḥmūd

ʿAbd al-Ḥalīm Maḥmūd

Jean-Louis Michon

Jean-Louis Michon

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