Ein geistiger Meister namens Jesus
Inhalt

In jeder authentischen Tradition hat der geistige Meister die Funktion, die wahre Erkenntnis zu übertragen, auch die Wissenschaft des Herzens genannt. Der geistige Meister ist ermächtigt, andere Menschen in der Entdeckung ihrer selbst zu führen. Er aktualisiert in jeder Generation den Sinn der heiligen Schriften, und darum wird im Christentum manchmal gesagt, er sei das fünfte Evangelium.
Die Meister-Schüler-Beziehung gründet auf Überzeugungen und auf der Lauterkeit. Wie ein Juwelier weiß der Meister von Anfang an, ob ein roher Diamant genug Qualitäten besitzt, um ein geschliffener Diamant zu werden, und er weiß, wie jeder Diamant seiner Natur entsprechend zu schleifen ist.
Der Meister kennt den Weg, da er ihn selbst zurückgelegt hat, kann jedoch nicht alles mit Worten erklären: Der Verstand ist ohnmächtig, und der Schüler versteht sehr oft nicht von Anfang an den Sinn der zu vollbringenden Arbeit. Darin muss er ein absolutes Vertrauen fassen.
„Er (der Meister) ist die Blüte der Tradition, doch ihre Schönheit kommt nur ihrer Seltenheit gleich. Man findet keine Orchideen, die auf irgendeiner Wiese wachsen, man findet keinen Löwen, der sich in der Herde bewegt”, sagt Jacques Vigne1.
Die Begegnung mit einem authentischen geistigen Führer ist entscheidend im Werdegang eines entschlossenen Strebenden. Wer mit einer Gemeinschaft von Schülern in Kontakt tritt, kann manchmal eine Erleichterung oder ein Unbehagen verspüren. Er wird eine familiäre Wärme finden, die so vielen Westlern heutzutage fehlt, die aber für manche eine Last darstellt.
Angenehm oder nicht, es ist ein Ausgangsstadium: das der emotionalen Durchsichtigkeit, die nicht ohne therapeutische Qualitäten ist. Sie ist eine Vorbereitung auf die geistige Durchsichtigkeit, subtiler, lichter. Diese ist nur in der Beziehung zum Führer möglich, der, ohne Ego, Zeuge unserer inneren Wirklichkeit sein kann, ohne sie ausbeuten zu wollen.
Jesus, Schüler und geistiger Meister
Jeder Meister ist zuerst ein Schüler gewesen. Jesus selbst scheint keine Ausnahme von dieser Regel gemacht zu haben: Er empfing die Taufe von Johannes, bevor er dessen Meister wurde. Wie es der Fall der Schüler Dschalāl ad-Dīn Rūmīs nach seiner Begegnung mit Schams von Täbris war, was nicht verfehlte, Unruhe hervorzurufen.
Die Schüler des Johannes sagten zu diesem: „Rabbi, der bei dir jenseits des Jordans war, dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und alle laufen zu ihm” (Joh 3:26). Die Tatsache, dass Jesus die Taufe von Johannes erbeten hatte, verfehlte nicht, die Schüler Jesu zu beunruhigen. Es handelte sich um eine Einweihung. Die Erklärung des Täufers Johannes, „ich bin nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen seiner Schuhe zu lösen” (Mk 1:7), bezeugt die Kenntnis, die der Täufer von der geistigen Wirklichkeit dessen hatte, den er seit Jahren erwartete, für den er geboren war.
In gewissen Sufi-Versammlungen sieht man den Meister grüßen, indem er sich vor den Schülern niederwirft: Das ist der Fall beim samāʿ der Mevlevi-Derwische. Dieser Aspekt des Rituals drückt die Wirklichkeit der Einigung der Herzen auf einer höheren Ebene aus. So stellen die Evangelien oft Seite an Seite Jesus und Johannes dar, insbesondere das Kindheitsevangelium bei Lukas. Die Schüler des Johannes glaubten, dass dieser der Messias war. Sie bildeten die Gruppe der Baptisten, woher wahrscheinlich die ersten Jünger Jesu kamen2.
Deshalb präzisiert der Prolog des Johannes ohne Zweifel, dass Johannes der Täufer nicht das Licht war, sondern eine Stimme in der Wüste, während Jesus das wahre Licht und das einzige Wort war.
Die Geburt des Christentums veranschaulicht die Feinheit der Meister-Schüler-Beziehung, die in der Praxis nicht so einfach ist. Die Beispiele sind zahlreich, nicht nur was die Predigtsendung der Apostel betrifft, sondern auch die ganze Sendung Christi hindurch, deren Ende von der Verleugnung des Petrus und vom Verrat des Judas gezeichnet ist.
Für die Schüler, die bei Jesus gelebt haben, ist er vor allem „rabbūnī”, „unser Meister”. Für die anderen, wie Paulus oder Lukas, wird er „kyrios”, „Herr”: Er wird vergöttlicht.
Jesus, der geistige Meister, überträgt seinen Schülern seine Unterweisung und schließlich seine Funktion. Er lädt ein, seine Boten, die die Funktion geistiger Meister haben, nach ihrem rechten Wert zu schätzen: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf und den, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil er ein Prophet ist, wird eines Propheten Lohn empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt, weil er ein Gerechter ist, wird eines Gerechten Lohn empfangen” (Mt 10:40-41). Mit anderen Worten, je mehr man seinen geistigen Meister schätzt, desto mehr wird man von ihm empfangen.
Das wissend kann man dieses andere Wort besser verstehen: „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder” (Mt 23:8). So schützt Jesus seine Schüler vor einer Versuchung der Seele, die alles auf sich selbst zurückführt und sich das göttliche Depositum anzueignen versucht. Denn der Meister darf sich seiner Funktion nicht brüsten, wie es die Pharisäer tun: Er muss sie gewissermaßen vergessen, indem er sich wie ein Diener gegenüber dem verhält, was „durch seine Hände” geht. Vom Standpunkt des Schülers bringt ihn dieselbe Tugend der Demut dazu, den Meister zu verehren, und das, selbst wenn dieser sich in nichts dazu anbietet. Solange Jesus in dieser Welt war, oblag es ihm auch, seinen Schülern zu raten, sich nicht zu zerstreuen und auf ihn konzentriert zu bleiben, denn diese äußere Ausrichtung zählt so sehr wie die innere Ausrichtung des Herzens auf den, durch den das geistige Geheimnis hindurchgeht.
Für die folgenden Generationen wird er zum Geist Gottes im Herzen (entsprechend der iṣṭa-devatā der hinduistischen Tradition).
Die Übertragung des Geheimnisses
Einige Worte (Logien) des Thomasevangeliums werden uns helfen, die Rolle Jesu besser zu erfassen und, nach ihm, die derer, die ihn in seinen Funktionen des geistigen Meisters vertreten.
Jesus stellt sich von vornherein in den Bereich des Geistigen, wenn er sagt: „Ich werde euch geben, was nicht ins Herz des Menschen gestiegen ist” (Logion 5).
Wenn der Schüler einem authentischen Meister gegenübersteht, sollte er der Versuchung nicht nachgeben, die Schriften oder seine Kenntnisse betreffend die Unterweisung der Meister der Vergangenheit als Schirm zwischen sich und den Meister zu benutzen: „Seine Jünger sagten zu ihm: ‚Vierundzwanzig Propheten haben in Israel vor dir geredet, und sie haben alle von dir geredet.’ Er sagte zu ihnen: ‚Ihr habt den Lebendigen verlassen, der in eurer Gegenwart ist, und ihr habt von den Toten geredet’” (Logion 52).
Man muss vor seinem Meister wie ein ganz kleines Kind sein, wie eine weiße Seite, auf die sich die Aktualisierung der unwandelbaren Unterweisung wird schreiben können. Denn diese Aktualisierung ist wohl die Funktion des lebendigen Meisters: Er führt die menschlichen Wesen in der Epoche, in der sie leben, in dem Zustand, in dem sie sind.
Um eine wirkliche geistige Macht zu erlangen, ist die Einheit mit dem Meister der direkteste Weg: „Wenn ihr aus zweien Eins macht, werdet ihr Söhne des Menschen werden, und ihr werdet sagen: ‚Berg, verrücke dich’, und er wird sich verrücken” (Logion 106).
Der mit dieser Herzensintelligenz begabte Schüler braucht nicht den Jüngsten Tag zu erwarten, um aufzuerstehen: Er stirbt sich selbst ab, und der physische Tod kommt erst danach. Sei es im Osten oder im Westen, die Beziehung zwischen Meister und Schüler gipfelt in der Einheit; diese Einheit wird von Jesus während des letzten Abendmahls gefeiert: „Dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns eins sein… damit sie eins seien, wie wir eins sind” (Joh 17:21-22).
Die Persönlichkeit des geistigen Meisters ist dazu bestimmt, im Göttlichen zu erlöschen, wie der Stern der Magier in der Morgenröte über der Krippe von Bethlehem verschwand, seine Sendung einmal erfüllt. Das ist die höchste Demut und zugleich der höchste Ruhm.
Es gibt gewiss einen Unterschied der Auffassung des Meisters zwischen Christentum und Sufismus. In der Kirche ist der Meister eine Hilfe, um unmittelbar die Lehre der Gemeinschaft zu erfassen; im Sufismus ist es die Gemeinschaft, die eine Hilfe ist, um sich mit dem tiefen, inneren Verständnis der Wirklichkeit des Meisters zu durchtränken: „Der Meister erweckt, und die Schüler erziehen”, sagt ein zeitgenössischer geistiger Meister3.
Doch was auch diese Unterschiede seien, es sind die wahren Schüler, die fehlen, mit dieser Fähigkeit der Hingabe und des Vertrauens, der Liebe und der Demut. Die Begegnung mit dem geistigen Meister ist die Begegnung mit unserem Doppelgänger: der, der verschieden und doch wir selbst ist, der uns gleicht wie ein Bruder, der unsere tiefste, intimste Wirklichkeit ist. Die Freundschaft, die sich mit ihm knüpft, liegt jenseits der Worte, jenseits sogar der Gedanken, nach dem schönen Ausdruck des Philosophen Alain: „sanfte Freundschaft, ganz in Gedanken und fast ohne Gedanken”. In diesem Zustand fast ohne Gedanken kann man sich dem Grund des Wesens nähern, indem man den Wirbel des Verstandes anhält, zum Zentrum aller Bewegung zurückkehren, dorthin, wo sie geboren wird: ins Herz der Absicht.
Darin werden wir zeigen, dass wir diese Warnung Jesu gehört haben, Meister für die Christen wie für die Muslime, der sagte: „Viele stehen um den Brunnen, doch es gibt niemanden, der hinabsteigt”.
Marie-Hélène Dassa
Weiterführende Lektüre
Footnotes
-
Jacques Vigne, Le Maître et le Thérapeute (1991) und Éléments de psychologie spirituelle (1993), Albin Michel, coll. „Spiritualités vivantes”. ↩
-
Annie Jaubert, Approches de l’Évangile de Jean, Seuil, S. 39, Anm. 59. ↩
-
Sidi Hamza al-Qâdirî al-Bûtshîshî, Weg Qadiriyya Boutchichiyya. Man findet auch die Übersetzung des Thomasevangeliums von J.-Y. Leloup bei Albin Michel oder von Pierre Crépon in Les Évangiles apocryphes bei Retz. ↩




