Der Sufismus im Herzen des Islam

Inhalt

Der Sufismus bildet das Herz der islamischen Tradition. Er kann daher nicht beanspruchen, außerhalb von ihr gelebt zu werden. Zugleich, und über den Rahmen der offenbarten Religion hinaus, zielt er auf die Vollendung des Menschen auf dieser Erde, hier und jetzt.

Von der Schale zum Kern

Als Offenbarung legt der Islam die Regeln der menschlichen Aktivität fest und definiert die rituellen Träger der Meditation; der Sufismus ist die Wissenschaft der Geschmäcker und der inneren Zustände. Da der Sufismus seinen Ursprung und seine Quelle in der islamischen Offenbarung findet, kann alles, was einer Abweichung vom Islam gleichen mag, nur mit einem Unterschied des Blickwinkels auf ein und dieselbe Wirklichkeit zusammenhängen. So kann die rituelle Waschung, die im Islam eine gesetzliche Pflicht ist, als eine erste Annäherung an die innere Läuterung der Seele des Schülers erlebt werden, deren letztes Ziel sie wäre. Für den Sufi bilden die Praktiken des Islam die Fortsetzung seines geistigen Weges in die Taten hinein.

Das Verhältnis zwischen Exoterik und Esoterik gleicht dem, das zwischen dem Leib und dem Geist besteht. Ohne Geist ist der Leib seines Sinnes, seiner lebendigen Quelle entleert; ohne Leib ist der Geist unfassbar und wird zu einer reinen Abstraktion.

„Um den Kern zu erreichen, muss man die Schale durchqueren”, sagte Meister Eckhart. Eine Frucht besteht aus einer Schale (dem Gesetz), einem Fruchtfleisch (dem Glauben) und einem Kern (dem Geist). Doch um den Kern zu erreichen, der allein einen neuen Fruchtkeim in sich trägt, muss man zuerst durch die Schale hindurch.

Die Unterweisung des Erzengels

An einem Tag, an dem der Prophet Muhammad mit seinen Gefährten beisammen war, sahen diese einen jungen Mann ankommen, weiß gekleidet, an dem keine Staubspur der Reise zu finden war. Dieser Mann setzte sich dem Propheten gegenüber, legte seine Beine in die seinen und fragte ihn: „Was ist der islām?” (wörtlich bedeutet dieses Wort „Hingabe”). Der Prophet antwortete: Der islām ist die Hingabe an Gott, gegründet auf die Praxis der fünf Säulen: das doppelte Zeugnis der göttlichen Einzigkeit und der muhammadischen Offenbarung, das Gebet, das Almosen, das Fasten des Monats Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka. Der junge Mann sagte dann: „Du hast die Wahrheit gesprochen!“, was die Gefährten nicht wenig verwunderte. Dann fragte er: „Was ist der īmān?” (der Glaube). Der Prophet antwortete: Der īmān ist, an Gott zu glauben, an Seine Engel, an Seine Bücher, an Seine Gesandten, an den Tag des Gerichts und an die Vorherbestimmung. Auch hier rief der junge Mann: „Du hast die Wahrheit gesprochen!“, dann fragte er: „Was ist der iḥsān?” (die Vortrefflichkeit des Verhaltens). Der Prophet antwortete: Der iḥsān ist, „Gott zu dienen, als ob du Ihn sehen würdest, denn wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er dich”. Nach der Bestätigung dieser Worte durch ein neues „du hast die Wahrheit gesprochen!” und einigen weiteren Fragen ging der junge Mann fort. Der Prophet fragte dann seine Gefährten, ob sie wüssten, wer dieser junge Mann war. Angesichts ihrer Unwissenheit enthüllte er ihnen, dass es sich um den Erzengel Gabriel handelte, gekommen, um ihnen ihre Religion zu lehren.

Ausgehend von diesem Hadith (Wort des Propheten) erscheinen drei Ebenen des Erlebens und des Verstehens der göttlichen Wirklichkeit, die sich den drei von Meister Eckhart angesprochenen Begriffen anschließen:

Die Sufis stützen sich auf diesen Hadith, sowohl um die Notwendigkeit einer buchstabengetreuen Praxis der Pflichten und Verbote der Religion zu zeigen als auch um den Vorrang des Geistes über den Buchstaben hervortreten zu lassen, was die Anwendung dieser Gebote betrifft. Um diesen Gedanken zu veranschaulichen, kann man die Geschichte jenes Mannes erwähnen, der gekommen war, um in der Moschee zu beten, in der sich der Prophet befand. Er beendete sein Gebet. Ein Gefährte bemerkte, dass eine der Bewegungen des Gebets nicht korrekt ausgeführt worden war. Er mahnte den Mann, sein Gebet nach dem Buchstaben zu wiederholen, und dieser kam dem nach. Als sein zweites Gebet beendet war, wandte sich der Mann an den Gefährten, der ihn angeredet hatte, und fragte ihn:

„Welches meiner Gebete ist deiner Meinung nach von Gott angenommen worden?”

„Das zweite, selbstverständlich, da es allein regelgemäß vollzogen wurde.”

„Nun, ich glaube, dass das erste angenommen worden ist. Denn dieses habe ich für Gott getan; das zweite aber habe ich für dich getan.”

Der Prophet, der der Szene beigewohnt hatte, bestätigte diese Wirklichkeit.

Hin zur Vortrefflichkeit des Verhaltens

Die Gesamtheit der Sufi-Praktiken findet ihre Quelle in den koranischen Versen und den Worten des Gesandten. Es gibt also keine Neuerung des Sufismus gegenüber der Offenbarung. „Das Gebet hält den Menschen fern von Schändlichkeit und tadelnswerten Handlungen. Und das Gedenken Allahs ist wahrlich größer”, sagt der Koran, indem er sogleich hinzufügt: „Und Allah weiß, was ihr macht” (29:45). So wird die ganze Bedeutung der Anrufung des Namens Gottes bekräftigt, die eine zentrale Praxis des Sufismus ist. Die Anspielung auf den auf uns gerichteten göttlichen Blick, die unmittelbar folgt und der von Erzengel Gabriel gegebenen Definition des iḥsān sehr ähnelt, kann als ein Hinweis auf den Grad verstanden werden, dem diese Praxis sich zuordnet. Gegenüber einem solchen Grad erscheint die Praxis der Anrufung sogar der des Gebets überlegen. Umgekehrt, wenn man sich auf den Mindestgrad des Gesetzes stellt, ist die Anrufung nicht mehr streng notwendig, wie der folgende Hadith zeigt. Ein Mann kam zum Propheten und fragte ihn: „Wenn ich die fünf Säulen übe, aber kein überpflichtiges Werk (zusätzlich, nicht verbindlich) vollbringe, kann ich dann beanspruchen, ins Paradies einzutreten?“. Der Prophet antwortete ihm bejahend. So kann der Sufismus als eine zusätzliche Dimension dargestellt werden, eine Vertiefung des Gesetzes und des Glaubens im Hinblick auf die Vortrefflichkeit des Verhaltens, für diejenigen, die eine solche innere Anforderung empfinden.

Der Koran empfiehlt, sich so oft wie möglich an Gott zu erinnern: „Gedenkt Meiner, so gedenke Ich euer” (2:152); „Gedenke des Namens deines Herrn und widme dich Ihm ganz allein” (73:8); und noch: „Gedenkt Allahs in häufigem Gedenken und preist Ihn morgens und abends” (33:41-42). Dieser Begriff des beständigen Gedenkens an die göttliche Gegenwart stellt sich in die direkte Perspektive des iḥsān. Denn jenseits einer gesetzlichen In-Übereinstimmung-Bringung kann allein das Bewusstwerden dieser Gegenwart den Menschen und sein Verhalten im Alltag wirklich verwandeln. Allein dieses Gefühl von Gegenwart kann den Menschen dazu bringen, aufzuhören, sich selbst zu betrügen, und die Wirklichkeit seines inneren Zustands festzustellen. Jenseits des Bildes, das die anderen uns von uns selbst zurückwerfen, gibt es einen Blick, vor dem man nichts verbergen kann. Die Aufrichtigkeit will, dass man in Übereinstimmung mit diesem Blick handelt. Um dies zu veranschaulichen, erzählt der Meister Rūmī folgende Geschichte: Ein Schulmeister hatte durch den Mund eines Kundigen erfahren, dass einer seiner Schüler bestimmt sei, ein großer Heiliger zu werden, und richtete ein Experiment ein, um zu wissen, welcher es war. Er bat jeden Schüler, einen Vogel zu kaufen, sich dann so weit von der Stadt zu entfernen, bis ihn niemand mehr sehen konnte, und das Tier zu schlachten. Am folgenden Tag kamen alle Schüler mit einem toten Vogel zurück, außer einem. Dieser erklärte, er sei so weit wie möglich gegangen, doch wohin er auch gehe, er könne dem Blick Gottes nicht entkommen. Der Vogel, den er mitgebracht hatte, wohlauf, nutzte seinen Bericht, um durch das Fenster davonzufliegen.

Die Nahrung des Herzens

Der Imām al-Ghazālī definiert den Dhikr (die Anrufung) als eine Art Fasten des Herzens, einen geistigen Kampf, der darin besteht, „die Mängel verschwinden zu lassen, alle Bande abzuschneiden und sich Gott dem Erhabenen durch eine vollkommene geistige Hingabe zu nähern”. Und er fügt hinzu, „dass es allein in der Macht des Gläubigen steht, sich darauf vorzubereiten durch die entkleidende Läuterung”. Die Läuterung von allen falschen Götzen, die uns bewohnen, und vom Blick des anderen erlaubt, sich nur an den einzigen göttlichen Blick zu binden. Jenseits der gesetzlichen Antworten auf eine gewisse Zahl von Problemen, die aus dem Koran oder der prophetischen Gewohnheit stammen, geht es hier darum, zu wissen, wie man sich angesichts der vielfältigen Situationen des Alltagslebens verhalten soll, in einer beständigen Suche nach der rechten Haltung. Die Antwort kann dann nur aus dem Tiefsten unseres Wesens kommen. Einem Mann, der gekommen war, um ihn über die Rechtschaffenheit zu befragen, antwortete der Prophet dreimal: „Befrage dein eigenes Herz”. Zentrales Organ, ganz wie das physische Herz, das dem gesamten Körper Leben einhaucht, ist das Herz, von dem die Rede ist, in Wahrheit das Instrument der geistigen Wahrnehmung. Die Anrufung zielt nur auf die Wiederbelebung dieses Herzens. Und das ist es, was die wesentliche Bedeutung dieser Praxis im sufischen Weg erklärt.

Ein anderer Hadith, in dem Gott in der ersten Person durch den Mund des Propheten spricht, sagt Folgendes: „Mein Diener hört nicht auf, sich Mir durch die Praxis überpflichtiger Werke zu nähern, bis Ich ihn liebe; und wenn Ich ihn liebe, werde Ich das Ohr, durch das er hört, das Auge, durch das er sieht, die Zunge, durch die er spricht, die Hand, durch die er greift, der Fuß, mit dem er geht”. Jenseits des Begriffs des Heils und der Übereinstimmung mit den göttlichen Geboten des Guten und Bösen zielt der Sufismus auf diese Verwandlung des Wesens, auf seine Befreiung, durch eine Übernahme der menschlichen Eigenschaften durch die Eigenschaften des göttlichen Wesens. Um die Symbolik der Genesis wieder aufzunehmen, könnte man vom Baum des Guten und Bösen sprechen, und vom Baum des Lebens. Da der geistige Weg als eine Rückkehr zu den Ursprüngen dargestellt wird, vollzieht sich diese Rückkehr an der Stelle selbst, an der der Fall stattgefunden hat.

Die drei geistigen Kämpfe des Ibn Chaldūn

Ein berühmter muslimischer Historiker und Denker, Ibn Chaldūn, unterscheidet drei Arten geistiger Kämpfe: den ersten, den er „den Kampf der Frömmigkeit” nennt, den zweiten „den Kampf der Rechtschaffenheit” und den dritten „den Kampf der Enthüllung durch Intuition”. Seiner Ansicht nach ist die Leitung eines geistigen Meisters auf der Ebene jedes dieser drei Grade nicht in gleichem Maße notwendig. Auf dem ersten Grad erlaubt die Anwesenheit eines Meisters dem Schüler eine Unterweisung „in der Tat”, die einer bücherlichen Unterweisung vorzuziehen ist, wie das Beispiel des Erzengels Gabriel zeigt, der dem Propheten die Bewegungen des Gebets beibrachte. Auf dem zweiten Grad zeigt Ibn Chaldūn, dass die Anwesenheit eines Meisters eine bessere Kenntnis der Natur der individuellen Seele erlaubt und so die Suche nach der Rechtschaffenheit erleichtert. Doch dort, wo die Unterweisung eines Führers absolut unentbehrlich wird, ist auf der Ebene des dritten Grades: „Was den geistigen Kampf der Intuition und der Schau betrifft, dessen Ziel das Aufheben des Schleiers der sinnlichen Welt und die Erkenntnis der geistigen Welt ist […], so hängt er auf notwendige und absolute Weise von einem Meister der Einweihung ab […], ohne den dieser geistige Kampf in den meisten Fällen vergeblich wäre”. Ibn Chaldūn fügt hinzu, dass der Begriff „Sufismus”, wenn er für die drei Grade gilt, die wir soeben erwähnt haben, auf spezifischere Weise den letzten von ihnen bezeichnet.

Um mit einem Bild zu schließen, kann man das geistige Leben durch eine Analogie mit dem körperlichen Leben beschwören. Hier wird das Gesetz durch die Haut dargestellt, den sichtbaren und äußeren Aspekt des menschlichen Wesens. Der Glaube wird durch das Fleisch symbolisiert, die Substanz und das Gewicht des Wesens. Schließlich wird der Geist durch die Knochen gebildet, und durch das Mark, das sie enthalten. Der Sufismus will dieses „substanzielle Mark” sein, diese Quelle von Leben, die den Leib nährt und erneuert, der sie enthält.

Marie-Hélène Dassa

Kalligraphie

Weiterführende Lektüre