„Sidi Hamza, der lebende Heilige“: Porträt aus der marokkanischen Presse (2000)

Artikel von Zakia Zouanat, erschienen in Le Journal (Marokko), Ausgabe vom 27. Mai bis 2. Juni 2000, übernommen aus dem Pressespiegel von tariqa.fr.
Meine Finger straucheln über die Tasten der Tastatur. Von einem außergewöhnlichen Menschen zu sprechen, der zu Recht ein Gefühl ehrfürchtigen Staunens einflößt, macht meine Ausdrücke unsicher. Von großer Schlichtheit, majestätischer Gestalt, frischem Teint, dem von Licht strahlenden Antlitz, strömt al-Shaykh Hamza al-Qâdirî al-Bûtchîchî, Sidi Hamza für die fuqarâ, seine Schüler, die Heiterkeit derer aus, die die Taue zum Diesseits gekappt haben, und wer ihn einmal gesehen hat, kann ihn nicht vergessen. Er ist wie ein lebendes Urbild, ein Überlebender der glanzvollen Zeiten unserer Kultur. Von seinen Schülern umgeben, erinnert er an die Miniaturen, die einen Jalâl al-Dîn al-Rûmî inmitten der Mevlevi-Derwische zeigen. Sehen wir uns die geographischen und historischen Ursprünge dieses Sufi-Meisters an, der mit gesenkten Augen zu den Frauen spricht.
Auf einem Hang oberhalb der grünen Ebene von Trifa, am Fuße der Berge der Banî Iznâssen, liegt die zāwiya Bûtchichiyya Qâdiriyya von Madâgh, wo Sidi Hamza Tausende von Schülern empfängt und erzieht, seit er in dieser Sendung seinem Vater Sîdî al ’Abbâs nachgefolgt ist, der 1972 starb.
An der Wand eines der Säle der zāwiya zeigt ein Foto aus der Zeitschrift „L’Illustration”, datiert auf Januar 1908, einen alten Mann von herrschaftlicher Erscheinung, der neben seinem Pferd sitzt. Dieser Mann ist Sîdî al-Mukhtâr al-Bûtchîchi, der Großvater von Sidî Hamza, gezwungen, die Waffen niederzulegen nach einem zähen Widerstand gegen das militärische Vordringen der Franzosen in der Region der Banî Iznâssen. Er erwartet General Lyautey, mit dem er das Kriegsbeil begraben wird. Dieses Dokument berichtet uns von der ruhmreichen Vergangenheit der Familie Bûtchîchî im Kampf gegen den Besatzer und räumt mit den Vorurteilen über die „kollaborierenden Marabouts” auf.
Danach verlassen die Bûtchîchî, die ihren Beinamen der Fülle der Vorräte in Zeiten der Hungersnot verdanken, den Berg, wo sie sechs Jahrhunderte lang die Verehrung genossen, die den Nachfahren des großen Scheichs von Baghdad, Mawlây ’Abd al-Qâdir al-Gaylâni, gebührt.
In Madâgh erneuert al-Shaykh al-’Abbâs die Suche der Ahnen an der Seite eines großen Meisters des Weges, Sidi Bû Madian al-Munawwar darqâwischer Zugehörigkeit, so gewissenhaft, dass er es ablehnte, an der Tafel der Wohlhabenden zweifelhaften Vermögens zu speisen, und bekannt für seine Askese und seine orthodoxe Strenge. Bei ihm wird der junge Hamza in die Sufi-Lehre eingeführt und empfängt einen großen Anteil geistigen Stroms.
In Sîdî Hamza erkennt man einen „muhammadanischen Erben”, der eine Lehre, eine Ethik, eine Politik, eine Ästhetik hat, der aber für jeden unergreifbar bleibt, der sich nicht in seine geistige Filiation einreiht, jene Gnade, die den Sündern erlaubt, zur inneren Reinheit zu gelangen.
Sîdî Hamza teilt mit den politischen Lehren einen tragenden Gedanken, den der Sehnsucht nach Freiheit. Und wenn es für die Politiker darum geht, sich gegen die Knechtschaft des Menschen durch den Menschen aufzulehnen, zielt die vorgeschaltete Arbeit der Sufi-Lehre darauf, die Person von sich selbst zu befreien, von ihren Schwächen, ihren Mängeln, ihrem Ego, denn das Wesen des Bundes (al-musâfaha) ist eine ontologische und deontologische Verantwortung.
Einem anzüglichen Fragesteller, der ihn fragte „sind Sie ein Mann Gottes?“, antwortete er „nein. Aber ich kann Ihnen einen Mann Gottes unter meinen Gefährten zeigen”. Eine Antwort, die der Weisheit eines großen Meisters würdig ist, und eine Wiederholung des Sufi-Spruchs, demzufolge nur ein Heiliger einen anderen Heiligen erkennen kann. Mit anderen Worten, es nützt nichts, sich dem gegenüber verbal mit dem Heiligen zu identifizieren, der ihn wesentlich nicht erkennen kann.
Al-Shaykh Hamza setzt eine große Hoffnung in das, was man in unserem Land die neue Ära zu nennen pflegt. Er weiß, dass er fortan nach Casablanca zu seinen Vorsorgeuntersuchungen fahren oder seine Brüder und Schüler in Paris, London oder Montreal besuchen kann, ohne Genehmigungen beantragen zu müssen, dass die Versammlungen seiner Gemeinschaft nicht mehr verboten oder von endlosen Verhören gefolgt sein werden und dass seine Schüler nicht mehr wegen ihrer Zugehörigkeit entlassen werden. Vorbei die Übergriffe und die anderen Unterdrückungspraktiken, die die Mitglieder des Weges im Schweigen und unter dem Joch einer provisorischen Freiheit erduldeten, insbesondere seit der Abspaltung des ehemaligen Schülers Abdeslam Yassine 1975. Sidi Hamza seinerseits versichert durch seine Lehre, dass keinerlei Abweichlertum zu befürchten sei, denn er weiß besser als jeder andere, dass der letzte Chef der dilâ’iyya-zāwiya des 17. Jahrhunderts nur deshalb nach der zeitlichen Macht strebte, weil er kein vollkommener Eingeweihter in Sachen geistiger Autorität war.
Das Werk von Sidi Hamza ist eine Arbeit der Aktualisierung einer vom Sufismus inspirierten und an die Zeiten angepassten Ethik. Eine Ethik der Entäußerung, der Nüchternheit und der Loslösung. Ihre Fortdauer erfolgt durch seine Schüler. Dem Weg zugehörig und neutrale gesellschaftliche Akteure oder solche in politischen Parteien, sind sie wahre Regulatoren der Grundprinzipien, auch wenn die Programme über die Formen der Entwicklung sie trennen können. Jedes gleichförmige Denken verabscheuend, bekräftigt Sidi Hamza, dass „die Divergenzen im Einzelnen eine Gnade sind”. Der Meister von Madâgh ist für den Schutz der Frauen vor Missbräuchen. In sie setzt er große Erwartungen für die Verbreitung der Prinzipien des Weges. Er ist für die Offenheit und die verstehende Toleranz (al-was’). Die wohl beredteste Veranschaulichung dieser Offenheit ist jene Wahrnehmung des Erbarmens, die den Ausgang des Romans „Jârât Abî Mûsâ” von Ahmed Toufiq begründet, da dieser unmittelbar vom Erlebten im Weg an der Seite dieses Meisters inspiriert ist.
Wie ein Meister der Stunde erweist sich dieser Achtzigjährige, dessen Geistesfrische die Jungen fasziniert und dessen Anwandlungen von den Beschwernissen der Tradition gehemmt werden, als offen für die Neuerungen der Zeit. Mit ihm vollzieht der ganze Sufismus seine Wandlung, um wieder das zu werden, was er immer war: „der wesentliche Teil”. Für Sidi Hamza, der die geistlichen Gesänge (al-samâ’) liebt, ist die rigoros beherrschte „Trance” ein erbaulicher Zustand, wörtlich „imâra”.
Erkennender (’ārif) und Weiser, fasziniert er die Gelehrten, die an die Beredsamkeit seines inneren Schweigens glauben und in ihrer geistigen Intimität wissen, dass er jene andere Wissenschaft innehat, Medizin der Krankheiten der Herzen, und legitimer Ursprung und Stütze der Heiligkeit im Islam. Jenseits der Widersprüche des logos und des Verstandes lässt er zu einer Wahrheit gelangen, die über das Sein ausstrahlt, um es aus seinen Ungewissheiten herauszuholen, indem sie seine zerstreuten Stücke zusammenführt und ihm seine ursprüngliche Einheit wiederfinden lässt. Ein reines Wasser, jedem dargeboten je nach dem Grad seines Durstes. Dem Suchenden obliegt es, mit seinem Herzen den Meister zu begleiten, der den Weg bereits gegangen ist. Eine Methode, die den großen Männern unserer Spiritualität gemeinsam ist, den beinahe Stummen wie Abû Ya’za und den Wortreichen wie Ibn ’Arabi. Die Schüler in Marokko und anderswo dieses von den Namen der Majestät und der Schönheit durchströmten Mannes sehen in ihm einen ebenbürtigen Gefährten jener.
Das ist bereits eine historische Tatsache. In seiner Nähe wird es normal, an den Heiligen zu glauben, der dich an Gott erinnern lässt, denn er hat diese einhüllende Aura und diese „Kraft”, die er selbst mit einer sanften „Chemotherapie” vergleicht, der man sich aussetzen muss, um ihre Wirkungen zu empfangen.
Seine Besonderheiten sind verblüffend. Er ist die Vertraulichkeit selbst, wenn er mit den Fellachen über die Ernten von Mandarinen oder Artischocken spricht. Und obwohl seine Schüler seine geistigen Vorzüge (karâmât) zu Hunderten berichten, ist sein eigener Spruch jene Formel, die er von den großen orthodoxen Meistern ererbt hat: „Die Rechtschaffenheit ist die größte Tugend, die man einem Mann Gottes zuschreiben kann. Ein wahrer Heiliger ist nur wirklich lebendig, wenn er tot ist, tot seinem eigenen Selbst gegenüber”. Messen möge sich, wer kann!
Zakia Zouanat



