Das Leben des Propheten Muhammad (4/11): die Offenbarung
Inhalt

Die Offenbarung und ihre Aufnahme durch den Propheten
Ibn Saʿd berichtet: Als Muhammad in seinem vierzigsten Lebensjahr stand und sich gewöhnt hatte, sich an einen dürren, steilen Ort des Berges Hirāʾ unweit von Mekka zurückzuziehen, kam die Wahrheit auf plötzliche, unvermittelte Weise zu ihm, in Gestalt einer himmlischen Stimme und einer Schau, in der der Engel Gabriel erschien und ihn mit Macht anredete. Erschrocken, aus Furcht, er könne von einem jener Dschinn besessen sein, die zu den Wahrsagern und dem von ihm so verabscheuten Götzendienst gehörten, eilte er zu Chadīdscha, die alles tat, um ihn zu beruhigen und zu trösten; sie ging dann, um Rat einzuholen, zu ihrem Vetter, dem hanīf Waraqa, der in den alten Schriften bewandert war und ihr die Anwesenheit des Engels Gabriel bestätigte und ihr ausrichten ließ, er solle nichts fürchten und das Vertrauen in seine Bestimmung zurückgewinnen.
Und als er seinen Rückzugsort (ḫalwa) wieder aufgesucht hatte, war es in der Dunkelheit der Nacht vom 26. auf den 27. des Monats Ramaḍān, genannt „Nacht der Bestimmung: laylat al-qadr“1, während Muhammad zwischen Wachen und Schlaf war, dass ihm plötzlich der Engel Gabriel erschien. In der Hand hielt er ein Brokattuch, auf dem eine geheimnisvolle Schrift eingewoben war, und hieß ihn, sie zu lesen: „Iqrāʾ!” Darauf erwiderte Muhammad, erschrocken: „Ich kann nicht lesen“. Da drückte ihn der Engel so heftig, dass er zu ersticken glaubte; und wiederholte seine Forderung: „Iqrāʾ!“ Was soll ich lesen?, fragte Muhammad. Und der Engel Gabriel offenbarte ihm in diesem wunderbaren, einsetzenden Augenblick die fünf ersten Verse der Sure 96, al-ʿAlaq („Das Anhängsel“):
„V.1 Iqrāʾ bismi rabbika llaḏī ḫalaq. V.2 ḫalaqa-l-insāna min ʿalaq. V.3 Iqrāʾ wa rabbuka-l-akram. V.4 allaḏī ʿallama bi-l-qalam. V.5 ʿallama-l-insāna mā lam yaʿlam.“
„V.1 Lies! Im Namen deines Herrn, der erschaffen hat. V.2 Er hat den Menschen aus einem Anhängsel (ʿalaq) erschaffen. V.3 Lies! Und dein Herr ist der Edelste, V.4 der den Menschen mit dem Schreibrohr gelehrt hat, V.5 und ihn lehrte, was er nicht wusste.“
Der Engel zeigte Muhammad daraufhin das wunderbare Gewebe, auf dem die Offenbarung geschrieben stand, und drückte es fest auf seine Brust. In diesem Augenblick, der im heiligen Text überliefert ist, fühlte sich Muhammad völlig in Gott hinweggezogen: maǧḏūb (von ǧ-ḏ-b: in Gott entrückt werden):
(Koran 2,97) „Sprich: Wer ist der Feind Gabriels? Er ist es, der mit der Erlaubnis Gottes (iḏn Allāh) das Buch, das bestätigt, was vor ihm war, auf dein Herz herabkommen ließ (nazzalahu): Rechtleitung und frohe Botschaft für die Gläubigen.“
Und (26,192-193): „V.192 Ja, der Koran ist eine Offenbarung des Herrn der Welten. V.193 Der treue Geist ist mit ihm auf dein Herz herabgestiegen.“
Die ersten Gläubigen
Nach dieser ersten Offenbarung vergingen einige qualvolle Tage ohne Nachricht vom Engel. Allein die „mütterliche“ Gegenwart seiner Gattin Chadīdscha, in dem weitesten Sinn, der es erlaubt, dieses unaussprechliche Erleben zu verankern, es in die tägliche Wirklichkeit zu gebären, konnte ihn beruhigen. Hatte sie nicht, nach dem Wort „Lā ilāha illā Allāh”, das er ihr übermittelte, hinzugefügt: „wa Muḥammad rasūl Allāh”, und sich damit zur ersten Muslima gemacht? Muhammad verzweifelte beinahe, bis der Engel erschien, immer noch während seiner Anwesenheit in den Felswänden des Berges Hirāʾ, und ihn mit den Worten beruhigte: „O Muhammad! Du bist wahrlich der Gesandte Allahs!“
Diese ersten Offenbarungen vollzogen sich wahrhaftig unter Geburtswehen, bis der Engel sie vervollständigte und ihm in Form eines Befehls sagte: (74,1 bis 7) „V.1 O du Zugedeckter! V.2 Stehe auf und warne! V.3 Und deinen Herrn, den preise als den Größten! V.4 Und deine Gewänder, die reinige! V.5 Und die Unreinheit, die meide! V.6 Und halte nicht deine Gabe vor, um mehr zu erlangen. V.7 Und ertrage standhaft alles für deinen Herrn.“ Und zugleich lehrte er ihn die Kunst der rechten Verkündigung: (75,16 bis 19)2: „V.16 Bewege nicht deine Zunge, als wolltest du die Offenbarung beschleunigen3. V.17 Uns obliegt es, sie zusammenzutragen und ihre Rezitation festzulegen. V.18 Folge ihrer Rezitation, wenn Wir sie rezitiert haben. V.19 Und dann obliegt es erneut Uns, sie verständlich zu machen.”
Aus dieser Gesamtheit der zitierten Verse gehen sehr deutlich zwei wesentliche Phasen der koranischen Offenbarung hervor: zum einen die ungeteilte Herabkunft der Rechtleitung (hudā), die zugleich das Buch und der göttliche Geist auf dem geläuterten Herzen des Propheten Gottes ist, genannt inzāl; zum anderen ihre schrittweise Verkündung, tanzīl, wie es im Koran heißt (17,106): „Wir haben diese Lesung in Teile gegliedert, damit du sie den Menschen langsam vorträgst. Wir haben sie wirklich herabkommen lassen.“ Ein hadīṯ qudsī, also ein unmittelbar von unserem Propheten überliefertes Wort Gottes, sagt dazu: „Der Himmel und die Erde können Mich nicht fassen, aber das Herz Meines Dieners fasst Mich”4.
Was den äußeren Kontext angeht, so war er der Aufnahme der Offenbarung wenig gewogen, außerhalb des Familienkreises und der engen Freunde, aus denen die ersten Gefährten bestanden. Chadīdscha war, wie wir sahen, die erste, die an die göttliche Sendung des Propheten glaubte, gefolgt von ʿAlī, dem Vetter Muhammads, und Zayd, dessen Diener. Der erste Bekehrte außerhalb der Familie sollte Abū Bakr sein, ein angesehener Kaufmann und Freund Muhammads. So begann der Prophet die öffentliche Verkündigung, indem er seinen eigenen Clan, die Hāschimiten, vor der Strafe warnte, die denen drohte, die den Einen Gott nicht anbeteten: (Koran 26,214) „Warne deine nächsten Blutsverwandten”. Selbst der Onkel des Propheten Gottes, Abū Ṭālib, der ihm doch so gewogen war, sollte sterben, ohne die angestammten Bräuche seines Vaters verlassen zu haben. Dennoch: der einzige Lohn, den der Prophet Gottes erbittet, ist, dass die Menschen einander lieben, um sich Gott zu nähern: (Koran 42,23) „Sprich: Ich erbitte von euch dafür keinen Lohn, außer eurer Zuneigung zu euren Nächsten”. Doch kaum war die Verkündigung eingeleitet, häuften sich die Schwierigkeiten jeder Art, bis zum endgültigen Triumph der Abschiedspredigt bei der Rückkehr nach Mekka, im Lauf der letzten Wallfahrt des Propheten Gottes, der da diese erhabenen Verse empfing: (Koran 110,1 bis 3) „V.1 Wenn der Beistand (naṣr) Gottes kommt und der Sieg (fatḥ); V.2 wenn du die Menschen in Scharen in die Religion Gottes eintreten siehst; V.3 so feiere das Lob deines Herrn und bitte Ihn um Vergebung. Er ist wahrlich der sich stets zum reuigen Sünder Zurückkehrende.“
Von Michel Abdallah Grimbert, Schüler der Tariqa Qadiriya Boutchichiya.
Vertiefende Lektüre
- Das Leben des Propheten Muhammad (3/11): Ehe und Reife
- Das Leben des Propheten Muhammad (5/11): die Nachtreise
- Die Nacht der Bestimmung (laylat al-qadr)
Footnotes
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Koran, Sure al-Qadr, 97,1 bis 5: „Ja, Wir haben ihn in der Nacht der Bestimmung herabkommen lassen. Woher solltest du wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate! Die Engel und der Geist steigen in dieser Nacht mit der Erlaubnis ihres Herrn herab, um jede Sache zu ordnen. Sie ist Frieden und Heil bis zum Anbruch der Morgenröte!“ ↩
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Für die Wiedergabe dieser wunderbaren Verse haben wir die in Anmerkung 1 des ersten Teils genannten Übersetzungen von D. Masson, M. Hamidullah und J. Berque zusammengeführt. ↩
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Muhammad Hamidullah erläutert in seiner so aufschlussreichen Übersetzung in einer Anmerkung zu dieser Stelle: „Der Prophet übermittelte die Offenbarung in demselben Moment, da er sie empfing, manchmal also, bevor sie zu Ende war. Indem er die Übermittlung an die Zuhörer beschleunigte, lief er Gefahr, dem Rest der Offenbarung nicht mehr zu lauschen“. ↩
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Dass dieser Hadith ein von Gott ausgehendes Wort ist, das der Prophet überliefert, und nicht ein Wort des Propheten, das seinen persönlichen Zustand bekundet, bedeutet, dass der Diener, auf den sich dieser Hadith zuerst bezieht, der Prophet selbst ist, und bestätigt seinen Rang. Da es sich aber nicht um einen Koranvers handelt, setzt es voraus, dass die Gläubigen in seiner Eigenschaft als „vortreffliches Vorbild“ für sie diese Verwirklichung anstreben können, bestätigt durch einen anderen hadīṯ qudsī, in dem Gott über Seine Diener sagt: „… Und wenn Ich ihn liebe, bin Ich sein Gehör, mit dem er hört, sein Blick, mit dem er sieht, seine Hand, mit der er greift, und sein Fuß, mit dem er geht…“. ↩



