Die Sure al-Qadr, kommentiert von Ibn 'Ajîba

Inhalt
Koranische Kalligraphie

Erklärung der Sure al-Qadr („die Bestimmung”, Sure 97) nach den Kommentaren des Scheichs Ibn ’Ajîba (gest. 1809), wobei sowohl der zâhir-(exoterische) als auch der bâtin-(esoterische) Aspekt herausgestellt werden, übersetzt aus seinem Tafsîr al-Bahr al-Madîd.

Vers 1: „Wir haben ihn in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt”

Innâ anzalnâhu fî laylati-l-qadr.

Der exoterische Sinn (zâhir)

Ibn ’Ajîba kommentiert: „Der Koran wurde als Ganzes von der Lawh al-Mahfûz (der wohlverwahrten Tafel) zum Himmel dieser Welt hinabgesandt und dann über dreiundzwanzig Jahre hinweg, den Umständen entsprechend, nach und nach offenbart”.

Ibn ‘Ajîba erklärt, dass das Fürwort „Wir” auf Allah verweist und „anzalnâhu” den Koran bezeichnet, der in dieser gesegneten Nacht auf einen Schlag zum untersten Himmel (samâ’ ad-dunyâ) hinabgestiegen ist. Danach wurde er dem Propheten (Friede und Segen seien auf ihm) über 23 Jahre hinweg schrittweise offenbart.

Der esoterische Sinn (bâtin)

Doch er fügt sogleich eine mystische Lesart hinzu: „Und innerlich (bâtinan) ist die Nacht der Bestimmung das Herz des Dieners, wenn es von seinen Finsternissen geläutert und mit dem göttlichen Licht erfüllt ist”.

Die Nacht von al-Qadr versinnbildlicht für Ibn ’Ajîba den geistigen Augenblick, in dem das göttliche Licht in das Herz des geläuterten Dieners herabsteigt. Der „Koran” wird hier zugleich zum göttlichen Wissen, zur Gegenwart Gottes, die in das Herz des Eingeweihten herabkommt. Es ist ein Moment innerer Erleuchtung.

Für Ibn ’Ajîba kann jedes geläuterte Herz zu einer lebendigen „Nacht der Bestimmung” werden, zu einem Augenblick geistiger Öffnung, in dem Gott Sein Licht in es „herabsendet”.

Vers 2: „Und was lässt dich wissen, was die Nacht von al-Qadr ist?”

Wa mâ adrâka mâ laylatu-l-qadr.

Der äußere Sinn

Ibn ’Ajîba erklärt zunächst, dass diese Wendung im Koran dazu dient, die Größe und Majestät einer Sache anzuzeigen. Es ist eine koranische Rhetorik, die die Aufmerksamkeit wecken soll. Dass Gott den Propheten (Friede und Segen seien auf ihm) mit der Frage „Und was lässt dich wissen?” anspricht, zeigt, dass diese Nacht von unschätzbarem Wert ist, unerreichbar für die menschliche Vernunft: „Dieser Ausdruck weist auf die Majestät dieser Nacht hin und auf das Unvermögen der Geschöpfe, ihre ganze Wirklichkeit zu erfassen”.

Der innere Sinn

Ibn ’Ajîba bietet dann eine Sufi-Lesart an: „Es ist eine Nacht, deren Wirklichkeit nur der erkennen kann, dem sie von Gott enthüllt wurde. Sie versinnbildlicht den Augenblick der geistigen Entschleierung (kashf), der jede Beschreibung übersteigt”.

Er meint damit, dass laylat al-Qadr nicht nur eine Kalendernacht ist, sondern eine innere geistige Erfahrung: ein Moment, in dem Gott Sich Seinem Diener unmittelbar zu erkennen gibt. „Wer kann den Augenblick beschreiben, in dem das Herz mit der göttlichen Wirklichkeit in Berührung kommt? Es ist weder eine Wissenschaft, die man erlernt, noch ein Zustand, den man herbeiführt. Es ist eine reine Gabe, ein Einbruch des Göttlichen ins Herz.”

Ibn ’Ajîba schließt: „Es ist ein Geheimnis unter den göttlichen Geheimnissen. Nur der, dessen Herz geläutert und erleuchtet wurde, kann einen Funken davon erfassen”.

Vers 3: „Die Nacht von al-Qadr ist besser als tausend Monate”

Laylatu-l-qadri khayrun min alfi shahr.

Das Geheimnis liegt in der Qualität der göttlichen Gegenwart, nicht in der Menge der Taten. Dieser Satz ruft einen zentralen Sufi-Gedanken in Erinnerung: „Ein Augenblick der Erkenntnis ist besser als ein ganzes Leben ohne sie”.

Vers 4: „Die Engel und der Geist steigen in ihr herab, mit der Erlaubnis ihres Herrn, mit jeder Verfügung”

Tanazzalu-l-malâ’ikatu wa-r-rûhu fîhâ bi-idhni rabbihim min kulli amr.

Im Herzen des erwachten Dieners beschreibt dieser Vers das Eintreffen einer Flut göttlicher Eingebungen, dessen, was man im Sufi-Weg die Öffnungen (futûhât) oder geistigen Lichter nennt.

Vers 5: „Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung”

Salâmun hiya hattâ matla’i-l-fajr.

Es ist der Moment, in dem die Seele in völligem Frieden mit Gott ist, von jedem Schleier befreit und gebadet im Licht der Einheit (tawhîd).

Für Ibn ’Ajîba ist laylat al-Qadr nicht nur eine Nacht in der Zeit, sondern die geistige Erfahrung eines inneren Zustands: der Augenblick, in dem das Herz zu einem vollkommenen Gefäß für die göttliche Gegenwart wird.

Vertiefende Lektüre