Die Ḥikam Ibn ʿAṭāʾ Allāhs, kommentiert von Ibn ʿAjība

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„Wäre es erlaubt, im kanonischen Gebet einen anderen Text als den des Korans zu rezitieren, so würde man die Ḥikam Ibn ʿAṭāʾ Allāhs rezitieren.”

Dieses Wort Ibn ʿAjības, des geistigen Pols seiner Zeit und Meisters des schādhilitischen Weges, weist auf den eminenten Platz dieses erhabenen Werks hin. Die Ḥikam (Weisheitsworte) sind in der Tat eine unerschöpfliche Quelle des Nachdenkens und der Unterweisung für unser geistiges Gehen.

Im 13. Jahrhundert vom Scheich Ibn ʿAṭāʾ Allāh al-Iskandarī verfasst, führen sie uns zur Betrachtung einer Folge zeitloser, ewiger Weisheiten. Ibn ʿAṭāʾ Allāh verfasste sie in seiner Jugend, und als er sie seinem Meister Abū l-ʿAbbās al-Mursī vorlegte, soll dieser ausgerufen haben: „Mein Sohn, du hast darin alles zusammengefasst, worauf die Iḥyāʾ abzielt, und noch mehr!” (in Anspielung auf die Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn, „die Wiederbelebung der Wissenschaften der Religion”, das Hauptwerk des Imām al-Ghazālī).

Ein Exeget, der Sufi wurde

Ibn ʿAṭāʾ Allāh wurde gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts in Alexandria (Ägypten) geboren, in einer hergebrachten Familie, die in den Rechtswissenschaften des Islam bewandert war. Dort erhielt er seine ganze intellektuelle Ausbildung, das heißt, er erwarb das Wissen, das nötig war, um offiziell mit dem Unterricht in den amtlichen Wissenschaften des Islam beauftragt zu werden: Wissenschaft der arabischen Sprache, des fiqh (Jurisprudenz), des Hadith, Philosophie, arabische Grammatik.

Seine Meinung über die Sufis war damals ausgesprochen negativ: So behauptete er etwa, „wahr haben nur die Leute, die sich mit der äußerlichen Wissenschaft befassen, doch die Gruppe der Sufis maßt sich außerordentliche Dinge an, die das Gesetz nicht zulassen kann“.

Eine radikale Wandlung vollzieht sich in ihm bei der Begegnung mit dem Sufi-Scheich Abū l-ʿAbbās al-Mursī, der sein geistiger Meister werden sollte: „Ich sagte mir: Warum sollte ich nicht zu diesem Mann gehen? Wer die Wahrheit besitzt, hat Zeichen, die ihn zeigen. So kam ich zu einer seiner Versammlungen… und ich begriff, dass dieser Mann nur aus der Überflutung des göttlichen Ozeans schöpfte“. Er ist damals etwa 20 Jahre alt und wird zwölf Jahre in der Gesellschaft des Scheich al-Mursī verbringen, dessen geistiger Erbe er danach wird. Kurz nach dieser Begegnung verfasst er seine Ḥikam, Früchte blitzartiger geistiger Eingebungen.

Ein Werk, von Alexandria bis Damaskus studiert

Seit Jahrhunderten werden diese Ḥikam gelesen, studiert und meditiert. Sie bestehen aus etwa 260 Sentenzen, ergänzt durch Episteln und an Schüler gerichtete Briefe. Gegenstand zahlreicher Kommentare, wurden sie auch als Lehrbuch sufischer Unterweisung übernommen, an der Qarawiyyīn wie an der al-Azhar, in Tunis wie in Damaskus. Ibn ʿAṭāʾ Allāh äußert sich darin in einer präzisen und schlichten Sprache und gießt sein Denken in geschliffene und knappe Formeln. Scheinbar haben sie keine Einheit, ihre Themen folgen ohne logische Verbindung aufeinander: So wird man diese logische Anforderung überwinden müssen, um die Einheit des Werks jenseits der Form wiederzufinden.

Das Werk umfasst 267 Weisheitsworte, gefolgt von einer Reihe von Episteln (rasāʾil) und vertraulichen Zwiegesprächen (munāǧāt).

Der Kommentar Ibn ʿAjības

Einer der verbreitetsten Kommentare zu den Ḥikam ist der von Ahmad Ibn ʿAjība, geistigem Meister des schādhilitischen Weges. Ibn ʿAjība wurde gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts in Tétouan geboren. Ebenso wie Ibn ʿAṭāʾ Allāh studiert Ibn ʿAjība in seiner Jugend eifrig alle äußerlichen Wissenschaften des Islam: fiqh, Koranrezitation, Logik, Koranexegese, Grammatik, Hadithwissenschaft.

In dieser Lebensphase wird die Lektüre der Ḥikam eine Wende bilden, die sein Dasein und seine Sicht der Dinge erschüttert: „Nach dieser Lektüre gab ich die äußerliche Wissenschaft auf und widmete mich der Andachtsübung, dem Gedenken Gottes und dem Gebet auf den Gesandten Gottes“1.

Ibn ʿAjība erzählt, dass diese Zeit sich erstreckte „bis zu dem Augenblick, in dem Gott mich an Seine Hand nahm, indem Er mich unseren Scheich begegnen ließ, den erhabenen Gotteserkenner, den unvergleichlichen Einsamen, Sidi Muhammad al-Būzīdī al-Ḥasanī, und dessen Meister, den Pol der prophetischen Erziehung und die Quelle der Bruderschaft Darqāwīya… (gemeint ist der Scheich Moulay al-ʿArabī ad-Darqāwī)“1.

Ibn ʿAjība wird seinerseits ein geistiger Meister, und sein Kommentar zu den Ḥikam, das Erwachen der geistigen Bestrebungen, der leider noch nicht in französischer Übersetzung vorliegt, beleuchtet die Weisheitsworte Ibn ʿAṭāʾ Allāhs mit großer Tiefe. Soufisme.org beabsichtigt übrigens, regelmäßig gewisse Auszüge aus seinen Kommentaren zu veröffentlichen.

Einige Ḥikam Ibn ʿAṭāʾ Allāhs

„Die (rituellen) Werke sind tote Formen: Das Leben dringt in sie ein durch das Geheimnis der reinen Absicht.”

„Vollkommen unwissend ist, wer will, dass im gegenwärtigen Augenblick etwas anderes geschehe als das, was Gott in ihm zeigt.”

„Bei jedem Atemzug, den du ausstößt, vollzieht Er in dir einen Seiner Ratschlüsse.”

„Die in dir verborgenen Mängel zu beobachten ist besser für dich, als die Geheimnisse zu erspähen, die dir verschleiert sind.”

„Die wahre Hoffnung geht mit dem Handeln einher. Sonst ist sie nur Wunsch.”

„Verlange keinen Lohn für deine Tat, denn du bist nicht ihr Urheber; es muss dir als Lohn genügen, dass Er sie annimmt.”

„Wenn du Ihn erst erreichen könntest, nachdem deine schlimmen Neigungen erloschen und deine Ansprüche verschwunden wären, nie würdest du Ihn erreichen. Doch wenn Er dich zu Sich gelangen lassen will, hüllt Er deine Eigenschaften in die Seinen und deine Attribute in die Seinen und zieht dich zu Sich durch eine Gunst, die Er dir erweist, und nicht aufgrund deiner Mühen hin zu Ihm.”

„Wenn sich dein Herz weitet, sooft du empfängst, und sich zusammenzieht, sooft dir etwas versagt wird, so erkenne darin den Beweis deiner Unreife und deines Mangels an Aufrichtigkeit in deinem Dienst an Gott.”

„Leere dein Herz von allem, was nicht Gott ist, und es wird sich mit Erkenntnis und Geheimnissen füllen.”

„Die Glückseligkeit, so vielfältig ihre Gestalten auch seien, besteht wirklich nur in der Gegenwart Gottes und Seiner Nähe. Das Leid, so vielfältig seine Gestalten auch seien, besteht nur durch den Schleier, der Ihn verbirgt. Die Ursache des Leids ist also das Bestehen des Schleiers, und die Vollendung der Glückseligkeit ist die Schau Seines freigebigen Angesichts.”

Zwei vertrauliche Zwiegespräche (munāǧāt)

„O mein Gott! Die Vielfalt Deiner Waltung und die Schnelligkeit der Vollstreckung Deiner Entscheidungen verhindern, dass Deine Dich erkennenden Diener in Deiner Gunst ruhen oder verzweifeln, wenn Du sie auf die Probe stellst.”

„O mein Gott! Unterweise mich in einem Teil Deines aufbewahrten Wissens, und behüte mich durch das Geheimnis Deines verborgenen Namens.”

Weiterführende Lektüre

Footnotes

  1. Dem Werk L’autobiographie du soufi marocain Ibn ’Ajîba (J.-L. Michon) entnommen. ↩ ↩2