Das Erwachen des Herzens (1/2): Gespräch mit Faouzi Skali

Gespräch mit Faouzi Skali.
Die klassischen Sufi-Schriften sprechen vom „Weg des Herzens”. Was ist seine Wirklichkeit Ihrer Ansicht nach?
Hier bezeichnet das Herz nicht nur das körperliche Herz, sondern vor allem das feine Zentrum des Wesens, das die Fähigkeit besitzt, die göttliche Erkenntnis zu empfangen. Dies steht in Verbindung mit dem Hadîth, in dem Gott sich so äußert: „Weder Mein Himmel noch Meine Erde vermögen Mich zu fassen, doch ganz gefasst werde Ich im Herzen Meines Dieners.” Um diesen Vorgang des Zugangs zur Erkenntnis zu bezeichnen, sprechen die Sufis von der Öffnung des „Herzauges”. Es handelt sich um die Entfaltung der Herzensintelligenz, die auf intuitive Weise zu unterscheiden vermag, während der Verstand, das Herz und das geistige Bereich sonst getrennt betrachtet werden.
Die koranische Tradition betont die Gegenwart von „Zeichen”: Alle Ereignisse übersetzen sich in ebenso viele Zeichen. Der Tag und die Nacht zum Beispiel sind Zeichen, die Befruchtung und die Entwicklung des Embryos sind andere Zeichen. Das Herz wird dann der Ort sein, wo die Betrachtung dieser Zeichen es erlaubt, ihre tiefsten Sinne zu durchdringen.
Um welche Art von Zeichen geht es?
Um die Zeichen der göttlichen Gegenwart. Jede Manifestation ist Zeichen, und es gibt keine einzige Manifestation, die nicht Zeichen wäre. Um verständlich zu machen, worum es geht, nehmen wir den Vergleich mit dem Lesen einer Schrift. Worauf es beim Lesen ankommt, das sind nicht die Buchstaben an sich, sondern der Sinn, der hinter der Zusammenstellung dieser Buchstaben durchscheint. Nun ist dieser Sinn ungreifbar, undefinierbar; er transzendiert die einzeln genommenen Buchstaben, aber man braucht einen „Leseschlüssel”, um ihn zu erfassen.
So wird die Schönheit einer Blume, wie die jeder sinnlichen Manifestation, für die Sufis ein Zeichen sein, das diese Schönheit unendlich transzendiert. In der Sufi-Dichtung mögen die verwendeten Symbole auf den ersten Blick gewöhnlich erscheinen, weil sie schlicht der materiellen Welt entnommen sind, während sie in Wirklichkeit auf das zielen, was weit darüber hinaus liegt. Die Symbole sind nur Buchstaben, die eine Wahrheit durchscheinen lassen, die sie unendlich übersteigt.
Wenn alles Zeichen ist, ist alles Wahrheit, die uns übersteigt, die aber gleichwohl durch das Herz zugänglich wäre?
So ist es: Die ganze Schöpfung spielt durch vielfältige Formen und Manifestationen auf diese eine Wahrheit an.
Wie kann es sein, dass zwei Sufis ein und dasselbe Ereignis in aller Redlichkeit verschieden deuten können? Kann ihr Herz ein Ereignis völlig unterschiedlich lesen?
Das hängt vor allem vom Grad der Erkenntnis ab, in dem jeder sich befindet, und vom geistigen Zustand, den jeder durchläuft. Es gibt die, die auf dem Weg gehen und viele Zeichen und Symbole sehen, aus denen sie Elemente zu ziehen versuchen, die ihnen erlauben, sich der Wahrheit zu nähern. Doch für den, der am Ende des Weges angelangt ist, gibt es keine Zeichen mehr: Gott ist ihm näher als Seine eigenen Zeichen.
Kann der, der angekommen ist, als Meister bezeichnet werden?
Die Funktion des Meisters und die Tatsache, einen gewissen Grad geistiger Verwirklichung erreicht zu haben, sind nicht genau dasselbe. Man kann nämlich vollkommen geistig verwirklicht sein, ohne deshalb die Funktion des Meisters zu haben. In diesem Bereich bestimmt sich nichts aus irgendeiner individuellen Entscheidung. Man sagt sich nicht eines schönen Tages: „Mir scheint, ich habe den anderen Dinge zu lehren, also werde ich Meister.” In Wirklichkeit sind mehrere Kriterien zu berücksichtigen: die Zugehörigkeit zu einer initiatischen Kette, die bis zum Propheten des Islam zurückreicht, eine von einem echten Meister verliehene Ermächtigung zu initiieren, persönlich empfangene transzendente Bestätigungen. Die Funktion des Meisters ist sehr schwer auszufüllen, und niemand darf sie sich selbst zuerkennen. Das gehört zum Transzendenten, im wahren Sinn des Wortes.
Bei einem wirklichen, verwirklichten Meister gibt es vor allem ein Vermächtnis, das empfangen wird: Es handelt sich um die „iḏn”, das heißt die ausdrückliche Ermächtigung, selbst eine Unterweisung geben zu dürfen. Gleichwohl hat die Geschichte des Sufismus Schüler gekannt, die die iḏn ihres Meisters erhalten hatten und dennoch jahrelang nicht lehrten, bis sie ausdrücklich eine innere Bestätigung empfangen hatten. Der wahre Erkennende, von seinem Ego befreit, braucht diese Funktion des „Meisters” nicht. In manchen Fällen ist er jedoch gehalten, sie zu übernehmen, eben kraft jenes „transzendenten Auftrags”, der ihm offenbart, dass dies wirklich seine Sendung ist und dass er ihr in keiner Weise ausweichen kann.
Der Begriff des Ego ist also im Islam wohl präsent?
Ja, und er ist sogar zentral im Sufismus, wo man eine ganze Klassifikation der Egos nach dem Grad der Läuterung von den leiblichen Leidenschaften entwickelt hat: von der gebietenden Seele bis zur befriedeten Seele, über die sich selbst tadelnde Seele. Diese verschiedenen Zustände der Seele werden übrigens im Koran erwähnt, doch das Interessanteste ist, dass der oder die, die auf dem Weg geht, sie früher oder später wird durchleben und überwinden müssen.
Wie sind diese Zustände der Seele im Koran verzeichnet?
Sie sind dort in Wahrheit nicht systematisch angegeben, sondern nur in gewissen Passagen angerührt. Jede Erwähnung steht in einem besonderen Kontext. So heißt es etwa in einem Vers: „O du befriedete Seele, kehre zu deinem Herrn zurück, zufrieden und wohlgefällig!” (89:27-28), und ein anderer sagt: „Es ist das Wesen der menschlichen Seele, zum Bösen zu gebieten, es sei denn, sie wird von der göttlichen Gnade berührt” (12:53). Die Sufis ihrerseits machen die Erfahrung dieser verschiedenen vom Koran beschriebenen Zustände.
Gründet die Unterweisung im Sufi-Weg auf dieser Erkenntnis des Menschen und der verschiedenen Bewusstseinszustände der Seele auf ihrem Weg?
In der Tat, und diese Erkenntnis ist nur dank der allmählichen Befreiung von der Herrschaft des Egos, der nafs, möglich. Die Sufis führen gegen die nafs den Kampf, den sie den „großen Kampf” nennen, gegen den der kleine äußere Kampf mit Waffen völlig geringfügig ist. Das verweist auf einen Hadîth, dem zufolge der Prophet Muhammad zu Gefährten sagte, die erschöpft von einem Kampf zurückgekehrt waren: „Ihr kehrt nun vom kleinen Kampf zurück, um den großen Kampf zu vollbringen!” Da fragte man ihn: „Prophet, was ist denn der große Kampf, den du meinst?” Er antwortete: „Der große Kampf ist der, den ihr gegen euch selbst führt.”
Die Sufis betonen, dass die wahre innere Verwirklichung zuerst durch den „Tod” seiner selbst geht, wie schon der Prophet gesagt hatte: „Sterbt, bevor ihr sterbt!“, oder auch: „Die Menschen schlafen; wenn sie sterben, erwachen sie.” Der „Tod” des Egos ist wesentlich, und durch diesen Tod wird der Mensch dazu gebracht, all das wahrzunehmen, was er in Wirklichkeit erst nach dem körperlichen Tod erkennen könnte. Wenn unsere nafs hier und jetzt „stirbt”, ersteigt die geläuterte Seele alle verschiedenen Grade des Jenseits, ohne den Körper verlassen zu haben…
Ist das eine Weise, vorgreifend das Paradies zu kosten?
Das ist nicht das Ziel, denn die Sufis betrachten die verschiedenen Grade des Paradieses selbst als zu überwindende Hindernisse. Alles, was zu einem wirklichen geistigen Erleben gehört, muss erfahren werden, ohne dass man daran hängt. In gewisser Weise ist für die Sufis das Paradies die Hölle des Weisen, da das einzige Ziel die Erkenntnis des Einen, Gottes, ist. Das Paradies oder die Hölle sind nur erschaffene Elemente und haben als solche nur eine relative Bedeutung…
Wie kann man ein „Jenseits” des Paradieses denken?
Durch die dauernde Suche nach dem Wesen des wahren Seins… Auf diesem Grad scheint es unmöglich, ohne Führung dorthin zu gelangen, denn nur ein Meister kann den Schüler dazu bringen, aus den Zuständen der Glückseligkeit „herauszutreten”, in denen er sich endlos gefallen könnte, und ihn zwingen, darüber hinauszugehen, indem er zeigt, dass diese Zustände letztlich geringfügig sind. In Arnaud Desjardins’ Film über die Sufis Afghanistans kann man die Schüler die ʿimāra vollziehen sehen, das heißt den körperlichen Ausdruck eines geistigen Zustands, der zugleich eine unermessliche Freude, eine Ekstase, eine Liebe, eine Erkenntnis ist. Es ist eine unaussprechliche Wahrnehmung, in der jeder dazu gebracht wird, immer weiter zu „reisen”, auf immer innerlichere, feinere Weise. Diese innere Reise geschieht unter der Leitung des geistigen Führers, der dem Schüler erlaubt, sich aller Götzen zu entledigen, und insbesondere des Götzen des hienieden erlebten Glücks, das der reinen göttlichen Schau sehr fern bleibt.
Ein Hadîth besagt, dass es 70 000 Schleier aus Dunkelheit und Licht gibt, die den Diener von Gott trennen. Erweist es sich als recht leicht, die Schleier der Dunkelheit zu überwinden, die eher unangenehme Zustände erzeugen, so ist es viel schwerer, nicht an den Schleiern des Lichts zu hängen, die eine Form von Glückseligkeit empfinden lassen. Die Gegenwart des Meisters ist diesbezüglich grundlegend.
Worte, ursprünglich 1986 von Robert Faure und Daniel Bessaignet aufgezeichnet, 2013 von der Redaktion von soufisme.org ergänzt.
Fortsetzung: das Erwachen des Herzens, zweiter Teil. Siehe auch die Rolle des geistigen Führers.




