Der Sufismus in Europa von Francesco Piraino: Rezension
Inhalt

Der Sufismus in Europa: Islam, Esoterik und New Age (éd. Karthala, Mai 2023), von Francesco Piraino.
Dieses Buch beschreibt die Entwicklung des Sufismus in Westeuropa, insbesondere in Frankreich und Italien, anhand einer langwierigen empirischen Forschung, die auf der teilnehmenden Beobachtung in vier Sufi-Bruderschaften in Paris und Mailand beruht: der ʿAlāwiyya (šayḫ Khaled Bentounès), der Boutchichiyya (šayḫ Hamza), der Naqšbandiyya Ḥaqqāniyya (šayḫ Nāẓim al-Qubruṣī) und der Aḥmadiyya Idrīsiyya Šāḏiliyya (šayḫ ʿAbd al-Wāḥid Pallavicini).
Eine Feldforschung
Wie der Autor erklärt, „fanden diese Untersuchungen über einen Zeitraum von sechs bis acht Monaten (2013 und 2014) für jede Bruderschaft statt. Diese Immersion bedeutete die Teilnahme an den wöchentlichen Gebetstreffen, an den religiösen Festen und den geistigen Einkehrtagen, an nicht streng religiösen Ereignissen wie Konferenzen und Versammlungen und schließlich die Mitreise auf Pilgerfahrten mit französischen und italienischen Schülern in die Ursprungsländer dieser Bruderschaften, nach Marokko, Algerien, Zypern und in die Türkei“.
„Ich habe zwischen 8 und 12 Schüler ausgewählt, um Lebenserzählungen zu sammeln. Die Stichprobe wurde so angelegt, dass sie die Heterogenität der Teilnehmer bestmöglich abbildet.“
Das Werk setzt sich aus acht Kapiteln zusammen. Die ersten beiden entwickeln den allgemeinen Rahmen des Sufismus als mystische Erkenntnis und als diskursive Überlieferung. Das dritte beschreibt die Pioniere des Sufismus in Europa, die dazu beigetragen haben, den heutigen Sufismus zu gestalten und vorzustellen: der Autor betont so den großen Einfluss René Guénons, erwähnt aber auch andere Figuren von sehr unterschiedlichem Profil, große Professoren wie Louis Massignon, Henry Corbin, Eva de Vitray-Meyerovitch, aber auch umstrittenere Persönlichkeiten wie Gurdjieff oder Idries Shah.
Die vier Bruderschaften
Die Kapitel 4 bis 7 sind jeweils einer Bruderschaft gewidmet.
Der Weg Qādiriyya Boutchichiyya. Der Autor beschreibt die charismatische Gestalt des šayḫ Sidi Hamza, die Organisation des Weges in Marokko und in Europa und die Eigenheiten dieses Weges: große Bedeutung des persönlichen und gemeinschaftlichen Gedenkens, Achtung der fünf Säulen des Islam, Betonung der Vorzüglichkeit des Benehmens und des bürgerlichen Engagements. Er zeichnet auch das Porträt einiger bekannterer Schüler, wie des Schriftstellers Faouzi Skali.
Der Weg ʿalāwiyya. Der Autor behandelt die Geschichte des Weges und die Bedeutung des šayḫ al-ʿAlāwī. Er zeichnet ein Porträt des šayḫ Khaled Bentounès und stellt die Organisation des Weges vor, namentlich in Frankreich, wobei er seine Besonderheiten betont: Bedeutung der Rituale und der geistigen Klausur, universelle und manchmal ikonoklastische Seite, Betonung der Parität, des Engagements im sozialen und bürgerlichen Handeln, der Menschenrechte, des interreligiösen Dialogs. Auch die Frage der Anpassung des Islam an die moderne Gesellschaft und die Fragen, die sie aufwirft, werden erwähnt.
Der Weg naqšbandiyya. Die Geschichte des Weges und des šayḫ Nāẓim wird ebenfalls dargestellt. Der Autor bemerkt treffend das Charisma der heutigen Verantwortlichen (ḫulafāʾ) des Weges, von denen er ein manchmal würziges Porträt zeichnet: Philippe de Vos, Khaldoun, Ḥāfiẓ, der šayḫ Burhānuddīn Herrmann, der šayḫ Hassan Dyck. Das ist die Gelegenheit, gewisse doctrinale Aspekte des Weges zu erklären, die auf den ersten Blick manchmal widersprüchlich sind: Universalismus, bisweilen formbare Lehre zwischen New Age und antimodernistischem Konservatismus, Bedeutung der Eschatologie.
Der Weg aḥmadiyya. Der Autor betont den Einfluss des šayḫ ʿAbd al-Wāḥid Pallavicini und seines Sohnes (Yaḥyā) sowie den Bruno Guiderdonis, ḫalīfa Frankreichs. Er analysiert den bestimmenden Einfluss des Werks René Guénons und die große Bedeutung, die den metaphysischen Lehren und dem Begriff der geistigen Elite beigemessen wird. Er entschlüsselt schließlich den Einfluss dieses Weges durch kulturelle Vereine wie die AIS (in Frankreich) oder die COREIS (in Italien).
Francesco Piraino hat 2015 an der École normale supérieure von Florenz und an der École des hautes études en sciences sociales in Paris in Soziologie promoviert. Er ist postdoktoraler Forscher und Direktor des Zentrums für vergleichende Studien der Zivilisationen und Spiritualitäten an der Fondazione Cini in Venedig.




