Das Leben des Propheten Muhammad (9/11): der Dschihād des Propheten
Inhalt

Von Michel Abdallah Grimbert, Schüler der Tariqa Qadiriya Boutchichiya.
Wir wollen nun von den Eigenheiten dessen berichten, was sich schließlich, dem Vorbild der Feldzüge des Propheten Gottes folgend, als muslimische Eroberung vollziehen sollte, oft für wunderbar gehalten sowohl wegen der unmittelbaren Tiefe ihres Einwirkens als auch wegen der Schnelligkeit ihrer Ausbreitung; und die den eroberten Völkern, die dem Islam die Gefolgschaft leisteten, ihre Rechte und Bräuche ließ. Dazu muss man präzisieren, dass die Muslime in ihrer sehr großen Aufgeschlossenheit (es handelt sich selbstverständlich um eine göttliche Rechtleitung) in der Gestalt des Ḏū al-Qarnayn, der mit Alexander dem Großen gleichgesetzt und im Koran beschrieben wird, bereits eine prophetische Vorahnung sahen, die durch ihre Eroberungen, ganz wie Cäsar für das Christentum, die betreffenden Völker auf das Kommen des Islam vorbereitete, von Transoxanien bis zur Iberischen Halbinsel: (Sure al-Kahf, 18,83 bis 98) „Was Ḏū al-Qarnayn betrifft, so hatten Wir seine Macht auf der Erde gefestigt und ihn mit allerlei Gütern ausgestattet. Er folgte einem Weg („eine andere Eroberung“, übersetzt Jacques Berque sehr treffend in Bezug auf den Begriff der Eroberung) und als er den Ort erreicht hatte, wo die Sonne untergeht… Dann folgte er anschließend einen anderen Weg („eine andere Eroberung“) und als er den Ort erreicht hatte, wo die Sonne aufgeht… So war es. Wir umfassen mit Unserem Wissen alles, was er besaß. Schließlich folgte er einen anderen Weg („eine andere Eroberung“) und als er ein Land zwischen zwei Dämmen erreicht hatte (die die Begegnung von Sonnenuntergang und Sonnenaufgang bezeichnen), errichtete er einen Wall aus Eisenblöcken gegen das verwerfliche Treiben der Yaʾǧūǧ und Maʾǧūǧ, die ihn nicht überschreiten konnten“.
So konnte der Prophet Gottes nach seiner Niederlassung in Medina dank der Aufnahme durch die „Anṣār“: (59,9) „Diejenigen, die den lieben, der zu ihnen auswandert (hāǧara). Sie finden in ihren Herzen kein Verlangen nach dem, was diesen Ausgewanderten gegeben wurde. Sie ziehen sie sich selbst vor, trotz ihrer Armut”, die Gemeinschaft der Gläubigen gründen, die er sich gewünscht hatte und die Gott errichtete: (3,110) „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je unter den Menschen hervorgebracht wurde: ihr gebietet das Rechte, ihr verbietet das Tadelnswerte, ihr glaubt an Gott”; und für welche der Prophet nicht nachließ, Mekka seine Eigenschaft als heiliges Heiligtum zurückzugeben und es ihnen so zu ermöglichen, ihr Recht auf den Besuch des urzeitlichen Hauses frei auszuüben, dem Ruf Abrahams gemäß: (22,26 bis 29) „Wir haben für Abraham die Stätte des Hauses bestimmt… Rufe die Menschen zur Wallfahrt auf: Sie werden zu dir kommen, zu Fuß oder auf jedem schlanken Reittier. Sie werden aus tiefen Schluchten kommen (im Sinn auch von geheimnisvoll, in Beziehung zum inneren Weg des Gläubigen)… Dass sie die Umrundungen um das urzeitliche Haus vollziehen (bi-l-bayt al-ʿatīq)“. Dieses angestammte Recht, das ihm die Quraisch, Hüter des urzeitlichen Hauses und Gastgeber der Pilger, nicht streitig machen konnten, sollte sich in aufeinanderfolgenden Etappen von den Ereignissen von Ḥudaybiyya an verwirklichen, und dies ohne dass Blut vergossen wurde.
Der Geist des Verteidigungskampfes
Und um diese Aufgabe der Rückeroberung zu vollbringen, hatte er zu kämpfen, abgesehen von den wenigen jüdischen Stämmen um Medina, insbesondere bei Ḫaybar (das den Muslimen schließlich einen Vertrag über die Abtretung der Hälfte der Ernten einbrachte), mit den mekkanischen Verbündeten und ihren Bundesgenossen, die sich der Verbreitung und Ausdehnung der neuen Religion widersetzten. Welches waren in dieser Hinsicht die wichtigsten Schlachten oder Kriegszüge (maġāzī), die der Prophet Muhammad zwischen 623 und 631 unternahm? Und welches sind ihre wesentlichen Lehren? Denn jede der wichtigsten Schlachten (maġāzī), Badr im Jahr 623, Uḥud 625, der „Graben“ (ḫandaq) 627, Ḥunayn 630 und Tabūk 631, liefert tatsächlich ein Gefüge von Lehren, das wir nun genauer bestimmen wollen und das eine gerechte Würdigung dessen erlaubt, was man später die muslimische Eroberung nennen wird; und die damals allen Grund hatte zu siegen.
Doch bevor wir an die göttlichen Zielsetzungen dieser erbitterten Kämpfe (das heißt solcher, die die Kämpfenden bis ins Fleisch hinein ergriffen) sowohl strategischer als auch taktischer Art erinnern, gilt es, den grenzenlosen, bis zum Martyrium opferbereiten Einsatz der Gefährten zu begreifen, die sich um den Propheten und sein Banner scharten, das während dieser stets sehr heftigen Kämpfe das lebendige axiale Zentrum bildete und eine Entschlossenheit jenseits des eigenen Selbst verlangte, wie sie allein der Glaube schenkt. Und man wird hier gewahr, dass in jedem Kampf die Wahrheit auf dem Spiel steht, das heißt die Werte, die uns leben lassen und akzeptieren lassen, dass unser Dasein auf dieser Erde einen Sinn hat, weit über die bloße Bewahrung vergänglicher Güter hinaus, die wir nicht mit ins Grab nehmen. So spiegeln die zwingenden Grundsätze des islamischen Kampfes (rein defensiven Charakters) die Begriffe von Barmherzigkeit und Mitleid den Feinden gegenüber wider. Begriffe des Friedens1, die in den Versen des heiligen Textes so ausgedrückt werden:
(Koran 2,190 bis 194): „Kämpft auf dem Weg Gottes gegen jene, die gegen euch kämpfen… Wenn sie aufhören, so wisst, dass Gott der Verzeihende ist, Er ist barmherzig… Seid feindselig gegenüber dem, der euch feindselig ist, in dem Maße, in dem er euch feindselig ist“.
(Koran 5,32): „Wer einen Menschen getötet hat, der selbst keinen getötet oder kein Unheil auf der Erde gestiftet hat, gilt, als hätte er alle Menschen getötet; und wer einen einzigen Menschen rettet, gilt, als hätte er alle Menschen gerettet“.
Das Martyrium des Muṣʿab ibn ʿUmayr bei Uḥud
So wird uns als Beispiel mit Realismus, aber Nüchternheit berichtet, was den Gefährten Muṣʿab ibn ʿUmayr2 betrifft, der der erste Botschafter des Islam bei den neu Bekehrten von Medina war und im Jahr 625 in der Schlacht von Uḥud den Märtyrertod starb:
„Muṣʿab brach zusammen; das Banner fiel zu Boden… Nach der Schlacht fand man seinen leblosen Körper, das Gesicht im Blut und gegen die Erde gekehrt. Man hätte meinen können, sein Leib weigere sich, irgendein Übel den Gesandten Gottes erreichen zu sehen. Es war, als empfinde er Schmerz oder Scham darüber, als Märtyrer gefallen zu sein, bevor er sich vergewissern konnte, dass es dem Gesandten Gottes wirklich gut ging und dass er folglich seine Aufgabe, ihn zu verteidigen, wirklich erfüllt hatte… Er war bei Uḥud gestorben, und man hatte nichts als ein gestreiftes Gewand (namīra), um seinen Leib vor dem Begräbnis zu bedecken. Wenn man sein Gesicht bedecken wollte, lagen seine Füße bloß, und umgekehrt. Angesichts dieser Lage befahl uns der Gesandte Gottes, sein Gesicht mit dem Gewand zu bedecken und auf seine Füße duftendes Schilfgras (iḏḫir) zu legen… Dann kam der Gesandte Gottes, um sich vor der Hülle seines ersten Botschafters (bei den ersten bekehrten Medinensern) zu sammeln und ihm Lebewohl zu sagen. Während die Augen des Propheten glänzten und großes Mitleid ausstrahlten, rezitierte er diesen Vers (33,23): „Unter den Gläubigen gibt es Männer, die das wahr gemacht haben, wozu sie sich Allah gegenüber verpflichteten”3. Dann wandte er sich an alle Märtyrer, die auf dem Schlachtfeld lagen, und sprach: „Der Gesandte Gottes wird bezeugen, dass ihr zu den Märtyrern Gottes gehört, am Tag der Auferstehung“. Und er wandte sich an die Gefährten, die ihn umgaben, und sprach: „O ihr Leute, besucht sie, kommt zu ihnen und grüßt sie. Ich schwöre bei Dem, der meine Seele in Seiner Hand hält, dass sie euch den Gruß erwidern werden, sooft ihr sie grüßt”“.
Das muss man unbedingt im Sinn behalten, wenn von den sehr harten Schlachten die Rede ist, die der Prophet Gottes unternahm; die doch nur eine Annäherung an den ǧihād al-akbar gegen unsere nafs oder unser Ego darstellen. Wie es ein prophetischer Hadith bei der Rückkehr von einer strapaziösen Schlacht so wiedergibt: „Wir verlassen den kleinen Kampf mit den Waffen für den großen inneren Kampf”4.
Vertiefende Lektüre
- Das Leben des Propheten Muhammad (8/11): das Haus des Propheten
- Das Leben des Propheten Muhammad (10/11): die Feldzüge (maġāzī)
Footnotes
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René Guénon, Kapitel VIII „La guerre et la paix“, in Le Symbolisme de la croix, éd. Véga. ↩
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Khālid Muhammad Khālid, S. 37 bis 48 von Des hommes autour du Messager : Rijâl hawla ar-rasûl, éd. Maison d’Ennour. ↩
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Koran 33,23-24; der Vers fährt so fort: „… Manche von ihnen haben ihr Gelübde erfüllt, andere warten noch, während ihre Haltung sich nicht ändert, V.24 damit Gott die Wahrhaftigen belohne um ihrer Wahrhaftigkeit willen…“. ↩
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Vgl. Anmerkung 40, wo René Guénon diesen Hadith in Anm. 3 in seiner arabischen Form wiedergibt: „raǧaʿnā min al-ǧihād al-aṣġar ilā al-ǧihād al-akbar“. ↩



