Religiöse Form und initiatisches Gehen

Inhalt

Die islamische Tradition umfasst, in Übereinstimmung mit den göttlichen Eigenschaften ẓāhir (das Äußere) und bāṭin (das Innere), zwei grundlegende Aspekte:

Indem ein Schüler einer ṭarīqa beitritt, begibt er sich damit zugleich auf einen Weg, der zur vollständigen Erkenntnis aller Ebenen des Wesens führt. Es handelt sich um ein Gehen, das an die Esoterik rührt und das vorab durch die Zustimmung zur Exoterik geht. Jedoch darf man nicht glauben, dass diese abgelegt werden könnte, sobald die Einweihung erlangt ist. Wie ein zeitgenössischer geistiger Führer sagt, Sidi Hamza al-Qādirī Būtschīsch: „Die Norm (scharīʿa) ist das Tor des Weges (ṭarīqa)“.

In der Tat bilden die Exoterik und die Esoterik gewissermaßen die zwei verschiedenen Seiten, die äußere und die innere, ein und derselben Sache, und beherrschen beide je einen ihnen eigenen Bereich. So beherrscht die Exoterik den Bereich der Rechtsgelehrten (fuqahāʾ) und der Theologen (mutakallimūn). Ihrerseits betrifft die Esoterik den Bereich derer, die durch aufeinanderfolgende Enthüllungen Zugang zur Gotteserkenntnis haben (ʿārifīn bi-Llāh). Um diese Begriffe aus einem anderen Blickwinkel zu veranschaulichen, könnte man auch sagen, dass die Exoterik sich auf den Ausdruck der islamischen Lehre bezieht, während die Esoterik auf ihre Konzeption zielt.

Der Grad des islām

Die allgemeinen Vorschriften, die von der allen Muslimen gemeinsamen religiösen Form angeordnet werden, erlauben dem Menschen, so harmonisch wie möglich innerhalb der Gesellschaft zu leben, und zwar in Übereinstimmung mit der von Allah errichteten Ordnung. Nach einem berühmt gebliebenen Hadith1 beziehen sie sich auf den ersten Grad der Tradition, den islām, und können entweder zur Jurisprudenz der Kultakte (fiqh al-ʿibādāt) oder zur Jurisprudenz des gesellschaftlichen Verkehrs (fiqh al-muʿāmalāt) gehören.

Insbesondere innerhalb der Jurisprudenz der Kultakte findet man die Empfehlung des Gedenkens (dhikr), mit gewissen im Laufe des Tages zu rezitierenden Formeln (al-adhkār al-yawmiyya), deren Segnungen vom Koran bezeugt werden2. Die vier orthodoxen Rechtsschulen (malikitisch, hanbalitisch, schāfiʿitisch, hanafitisch) ermutigen innerhalb des Sunnitums zu dieser Art der Rezitation, jedoch mit unterschiedlicher Insistenz. So verzeichnet der Imām Mālik3, auf dessen Schriften die malikitische Schule beruht, nur einige wenige Hadithe über die täglichen Gedenkformeln, während die hanbalitische Schule empfiehlt, eine große Zahl von Gedenkformeln zu ganz bestimmten Augenblicken zu rezitieren: wenn man das Haus betritt oder verlässt, vor dem Schlafengehen, beim Ankleiden, beim Blick in den Spiegel…

Die von den verschiedenen Schulen ausgehenden Anweisungen richten sich unterschiedslos an alle Muslime, aus Barmherzigkeit Allahs, wobei ein Einzelner sich im Allgemeinen an die Vorschriften nur einer Schule hält, auf die er sich beruft, ohne deshalb die anderen Schulen herabzusetzen. Diese Anweisungen tragen zur Möglichkeit bei, für einen Gläubigen, welcher Zeit und welchen Ortes auch immer, zum Heil der Seele zu gelangen, das heißt, das göttliche Wohlgefallen für die jenseitige Bestimmung zu erlangen.

Der Grad des iḥsān

Demgegenüber richten sich die meisten Anweisungen, die ein geistiger Führer gibt, nur an die Schüler, die ihm anvertraut sind. Sie zielen darauf ab, die rein inneren Vermögen zu wecken, die im Menschen schlummern und die fähig sind, den Anteil des Unaussprechlichen zu erfassen, den jede authentische metaphysische Konzeption enthält. Nach dem bereits zitierten Hadith berührt eine solche Erziehung den Grad des iḥsān (Vortrefflichkeit) und ist nur denen vorbehalten, die „mehr” wünschen und die die Qualifikation dafür besitzen.

In der Tat sind die innerhalb eines initiatischen Weges geübten Anrufungen von einer ganz anderen Natur als die allen Muslimen gemeinsamen Anrufungen. Sie werden nämlich vom scheich gegeben, der Inhaber der göttlichen Ermächtigung (idhn) ist, um sie zu übermitteln. Sie haben auch eine große Besonderheit, denn sie wirken wie „Arzneien” der Seele, für die es eine Dosierung einzuhalten gibt. So werden etwa zwei Schüler desselben Weges nicht notwendigerweise dieselben Anrufungen zu rezitieren haben, denn sie können Klippen gänzlich verschiedener psychischer oder verhaltensmäßiger Natur zu überwinden haben. Ebenso kann ein Schüler im Lauf seines Gehens dazu geführt werden, Formeln zu rezitieren, die mit der Zeit variieren, je nach den inneren Wandlungen, die er eingegliedert haben wird.

So geht ein Mensch, wenn er sich auf einen initiatischen Weg begibt, vom exoterischen und religiösen Bereich in den esoterischen und initiatischen Bereich über. Folglich strebt er nicht nur zum Heil der individuellen Seele, sondern zu deren Überwindung hin zur totalen Befreiung und zum Zugang zu den höheren Graden des Wesens, deren letzte Stufe der vollkommene Mensch (al-insān al-kāmil) ist.

Die inneren Waschungen

Dieser Perspektivenwechsel schließt ein, dass der nach der inneren Wahrheit Strebende sich von allem „waschen” muss, was seinem Lebensweg vorausging und in ihm einen Abdruck hinterlassen hat, der das unternommene Gehen zu hemmen droht. Die folgende Geschichte, die sich mit asch-Schādhilī, einem großen Sufi des Mittelalters, zutrug, veranschaulicht diesen Aspekt gut.

Im Lauf seiner Suche beschloss asch-Schādhilī, der zu jener Zeit ein sehr angesehener Theologe war, sich zum großen Meister ʿAbd as-Salām ibn Maschīsch zu begeben, um ihn um die Einweihung zu bitten. Er stellte sich am Berghang ein, wo der Meister lebte, als er deutlich eine Stimme hörte, die ihn vorab aufforderte, umzukehren und seine Waschungen zu verrichten. Asch-Schādhilī gehorchte der Weisung und stieg den Berg wieder hinab, um gewissenhaft seine rituellen Waschungen im unten gelegenen Fluss zu verrichten, dann erklomm er den Hang erneut. Sobald er an der Stelle war, die er zuvor erreicht hatte, forderte ihn der Meister erneut auf, seine Waschungen zu verrichten. Dieselbe Szene wiederholte sich so dreimal hintereinander, bis asch-Schādhilī begriff, dass es nicht darum ging, die rituellen Waschungen zu verrichten, sondern vielmehr, sich von all dem exoterischen Wissen zu „waschen”, das er bis dahin in seiner Laufbahn angesammelt hatte. Der Meister konnte seinen künftigen Schüler nur aufnehmen, wenn dieser sich ihm im Zustand der „Armut” darstellte, das heißt, in einer inneren Verfassung, die erlaubte, eine neue Unterweisung ohne Interferenzen zu empfangen.

Durch diese Anekdote nimmt man besser wahr, dass der, der aufrichtig eine Unterweisung initiatischer Art begehrt, sich an die alleinigen Anweisungen des ermächtigten Meisters halten muss. Die strenge Beachtung dieser Anweisungen bildet einen mächtigen Schutzschild gegen die zahlreichen Zumutungen des Denkvermögens, das durch mannigfache Tricks anregt, sich vom erstrebten Ziel abzuwenden. Auf einem Weg der Verwirklichung des Wesens gehen zu können, ist ein kostbares Geschenk, das als Gegenleistung eine Wachsamkeit zu jedem Augenblick erfordert.

Kawthar Moutaïb

Kalligraphie

Weiterführende Lektüre

Footnotes

  1. Bekannt unter der Bezeichnung „Hadith des Dschibrīl”, wird er bei Muslim so überliefert: Während die Gefährten mit dem Propheten Muhammad saßen, tauchte plötzlich ein weiß gekleideter Mann auf. Kein Gefährte kannte diesen Mann, der sich dem Propheten gegenüber hinsetzte, seine Knie an die Knie des Propheten drückte und seine Hände auf seine Schenkel legte. Er fragte: „O Muhammad! Unterrichte mich über den islām (die Religion)“. Der Gesandte Gottes antwortete: „Die Religion besteht darin, zu bezeugen, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Muhammad der Gesandte Gottes ist; das Gebet zu verrichten; die Almosenabgabe zu entrichten; im Monat Ramadan zu fasten; die Pilgerfahrt nach Mekka zu vollziehen, wenn man die Mittel dazu hat”. Der Mann sagte: „Du hast die Wahrheit gesagt. Sprich zu mir vom īmān (dem Glauben)!“. Der Prophet antwortete: „Der Glaube besteht darin, an Allah zu glauben, an Seine Engel, an Seine Bücher, an Seine Gesandten, an den Tag des Gerichts, und an die Vorbestimmung zu glauben, das Gute und das Böse”. Der Mann stimmte zu: „Du hast die Wahrheit gesagt. Nun sprich zu mir vom iḥsān (der Vortrefflichkeit)!“. Der Prophet antwortete: „Die Vortrefflichkeit besteht darin, Allah anzubeten, als ob du Ihn sähest, denn wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er dich”. Der Mann ging dann fort, wie er gekommen war, und der Prophet gab danach an, wer dieser Mann gewesen war: „Es war kein anderer als der Engel Gabriel, der gekommen war, euch eure Religion zu lehren”. ↩

  2. „Und das Gedenken Allahs ist wahrlich größer”, Koran 29:45. ↩

  3. Siehe insbesondere al-Muwaṭṭaʾ. ↩