„Die Schleier der Trennung sind gelüftet“, Gedicht von ʿAbd ar-Raḥmān al-Šāġūrī

Gedicht von ʿAbd ar-Raḥmān al-Šāġūrī1.

Die Schleier der Trennung sind gelüftet Und das Licht des Blicks strahlt auf Aus dem Ort jenseits des Raumes. O Sufis, seid Zeugen davon!

Ich bin der Spiegel meines Geliebten; In Seiner Liebe, o meine Seele, darfst du schwelgen. Erlösche allem, was nicht Er ist, Und lass fahren, was dir Leiden schafft!

Seit Er sich mir offenbart hat, liege ich auf den Knien, niedergeworfen, dankbar und unablässig im Lobpreis, denn Er hat mich in sich aufgenommen.

O mein Glück in der Vereinigung! O meine Auferstehung nach dem Tod! O Klarheit meines Himmels! O mein ewiges Leben!

Der Mundschenk2 ist zu uns gekommen Und hat uns einen Becher gereicht. Wir tranken daraus, unser Durst war gestillt Von Bechern haschemitischen Ursprungs3.

O du, der du das Erwachen suchst, Ergreife das ewige Leben! Wie viele verirrte Seelen hat es gerettet?

Nicht enttäuscht wird, wer es aufrichtig meint. Läutere dein Herz, und Er offenbart sich dir darin! Schärfe deinen Blick, dann wirst du Ihn sehen!

O mein Freund, lass alles los, was nicht Er ist, und verlösche in der höchsten Essenz; Trink ohne Scham, trink, ohne darin ein Übel zu sehen!

Ergib dich der Liebe Und bring deine Argumente zum Schweigen! Denn die absolute Liebe duldet sie kaum.

Halte dich fest und schreite immer weiter, folge den Spuren unserer Vorfahren; Hör nicht auf jene, die dich tadeln! Auf sie zu hören ist die schwerste Qual.

Der, den du suchst, ist das ursprüngliche All, das keine Zensur duldet. Verstehe also: Wer dich tadelt, ist kein anderer als der Gesandte des Herrn, der dich liebt!

Und der Segen des Herrn der Majestät sei auf dem Tor der Einheit, auf Ṭāhā4 und seinen Gefährten, und auf allen, die seinem Weg folgen.

Übersetzt von Hinda Boudiaf.

Geometrisches Muster

Weiterführend

Footnotes

  1. ʿAbd ar-Raḥmān al-Šāġūrī (1912-2004) war Meister eines Zweigs des šāḏilītischen Weges in Syrien. Er war als Sänger und Dichter bekannt. In seinem Werk Die Verteidigung der Sunna erläutert er, wie die Sufi-Praktiken mit Koran und Sunna vereinbar sind. ↩

  2. Mundschenk: jemand, der Getränke ausschenkt. In der Sufi-Dichtung bezeichnet das Wort den Meister, der seinen Schülern geistigen „Wein“ reicht. Kommentatoren haben diese Metapher häufig missverstanden und ihre anspielende, symbolische Ebene übersehen. ↩

  3. Haschemitisch: zur quraischitischen Familie gehörig, die von Hāšim, dem Urgroßvater Muhammads, abstammt. Der Dichter spielt auf seinen eigenen geistigen Führer, Scheich al-Hāšimī (1881-1961), an. Biografische Angaben zu ihm sammelte Jean-Louis Michon in L’Échiquier des gnostiques (Archè). ↩

  4. Ṭāhā ist einer der Namen des Propheten des Islam. ↩