Die Liebe im Sufismus
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Die Liebe ist ein zentrales Thema menschlichen Lebens, so wie es durch den Akt „Kun” (Sei!) Desjenigen konzipiert wurde, der allem Ding Sinn und Leben gab. Ein Thema mit vielen Facetten, von denen die strahlendsten der geistigen Dimension angehören, jener Dimension, die der Islam mit dem Wort „taṣawwuf” (Sufismus) bezeichnet. Der Begriff der Liebe nimmt dort tatsächlich eine generierende Stellung ein, ausgedrückt in majestätischen, ja meisterhaften Formen.
Für die Menschen, die diesen Weg des feinen Verstehens der Einheit beschreiten, hat die Liebe zu Gott (oder die Liebe, mit der Gott uns beschenkt hat) einen Ursprung. Um diesen Ursprung zu fassen und zu erklären, wenden sie sich dem Koran zu, wo es heißt, dass wir, die in der Ewigkeit ausgewählte adamische Schöpfung, schon vor der Erschaffung Adams vorewig einen Bund mit unserem Schöpfer, al-Chāliq, geschlossen haben. Auf Seine Frage: „Bin Ich nicht euer Herr?“, antworteten wir: „Doch!” (Koran 7:172). Mit dieser Antwort wurde ein Bund geschlossen: Er bildet den Kern dieses von der Liebe unzertrennlichen Einheitsgefühls, der ontologischen Liebe, die das menschliche Geschöpf für seinen Herrn hat.
Die göttliche Liebe
Die geistige Einweihung, zusammen mit den inneren Bedingungen, die bei einem Menschen das Bedürfnis wecken können, sie zu suchen, bilden eine Suche nach der Wiedereroberung eines Zustands, der für alle Menschen verloren gegangen ist, den aber alle wiederfinden können, sofern sie „vom Gedanken an Allah bewegt sind”, nach dem schönen Ausdruck des Scheichs Ahmad al-ʿAlāwī (1874-1934) aus Mostaganem. Oder dass in ihrer Seele die Wolkenschicht dünn genug ist, damit wenigstens einige Lichtblicke des Herzlichts die Finsternis durchbrechen, das Bewusstsein der geistigen Wirklichkeit zurückbringen und so „eine Vorahnung der höheren Zustände” bieten.
Im Koran sind das Wort „ḥubb” und alle davon abgeleiteten, insbesondere „maḥabba”, das den Begriff „Liebe” am besten wiedergibt, auf entscheidende Weise präsent. Der bedeutsamste Vers, den die Sufis als Stütze ihrer Anbetung nehmen, ist jener, in dem es genau heißt: „So wird Allah Leute bringen, die Er liebt und die Ihn lieben” (Koran 5:54). Er ist es, der zuerst liebt und ruft. Die Liebe des Sufi antwortet also auf die Gabe der Gnade, auf die göttliche Initiative.
Um die Tragweite dieser göttlichen Liebe zum Menschen, und der des Menschen zu Gott, besser zu erfassen, veranschaulichen die Worte der klassischen Sufis über die Liebe die Spiritualität dieser heiligen Ahnen. Milde Meister, strenge Meister, ausladende Meister, gesammelte Meister: Jeder hat sich über die Liebe geäußert, ausgehend von seiner eigenen Natur (fiṭra), seinem geistigen Zustand (ḥāl) und seiner Station auf dem Weg (maqām). Die Verse der einen über die Liebe grenzen an die Ekstase, geistige Trunkenheit; die der anderen an die Kasteiung; die weiterer noch an die vollkommene Vereinigung zwischen dem Liebenden und seinem Geliebten. Aber alle bergen die Achtung des göttlichen Gesetzes, und auch die Anstrengung in diesem Handeln wird besungen.
Was die Vereinigung in der Liebe betrifft, so sagte Sarī as-Saqaṭī (gest. 867), einer der Gründungsmeister des Sufismus: „Die Liebe zwischen zweien ist nicht vollständig, solange der eine nicht zum anderen sagen kann: ‘O ich!’“. Denn dieser Andere, von dem wir nur Manifestationen Seiner einzigen Existenz fassen können, hüllt uns in Seine Lichter, die unsere illusionäre Existenz zugunsten der Seinen, der einzig wahren, vernichten. Nur die Liebe vermag die unermesslichen Entfernungen zu überwinden, die die Schöpfung vom Schöpfer trennen: Man erkennt die Einheit des Schöpfers, man verwirklicht sie, indem man in sich selbst und mit dem Gesetz, dem göttlichen Geheimnis, konsequent und stimmig ist.
Die menschliche Liebe
Al-Ḥāriṯ al-Muḥāsibī (781-857) definierte die Liebe mit diesen Worten: „Liebe ist, mit deinem ganzen Wesen zu einem Ding hinzustreben, es dann deiner eigenen Seele, deinem Geist oder deinem Besitz vorzuziehen, dann innerlich und äußerlich in harmonischem Einklang mit ihm zu sein, und schließlich zu wissen, dass du selbst nach all dem in deiner Liebe zu ihm noch unzulänglich bist”. Mit dieser Formulierung dessen, der als der Zensor der Leute des Weges gilt, nähern wir uns dem Gefühl, das sich durch eine Erziehung des Bewusstwerdens aufbaut, durch die Seele, die sich selbst tadelt.
Als Antwort auf die literalistischen Ausleger sagte Yaḥyā ibn Muʿāḏ (830-871): „Ich ziehe ein Senfkorn an Liebe siebzig Jahren Kult ohne Liebe vor”. Seiner Ansicht nach liegt die beste Garantie jeder religiösen Beobachtung weder in der Furcht vor der Hölle noch in der Hoffnung auf himmlische Belohnungen, sondern in der Liebe ohne Vorbehalt und ohne Rechnung. Ein Echo auf die berühmten Worte einer prestigeträchtigen Gestalt des klassischen Sufismus, diesmal einer weiblichen, die als die Sängerin der göttlichen Liebe gilt: Rābiʿa al-ʿAdawiyya (714-801).
Das Ziel aller Sufis ist es, die Einheit Gottes in uns selbst zu vertiefen und sie auf existenzielle Weise zu leben: im Herzen zu leben, im Einklang mit dem Körper, was man mit den Worten „es gibt keinen Gott außer Gott”, lā ilāha illā Llāh, bezeugt. Nur in dieser Stimmigkeit wird wahre Liebe möglich. Außerhalb dieser Stimmigkeit liebt der Mensch, Mann oder Frau, wenn er liebt, nur sich selbst; und folglich bleibt er in einem Zustand erbitterten Streits zwischen dem Zustand der Treue und dem Zustand des Verrats. Warum? Weil wir schwach sind und weil alles vergänglich ist. Wenn sich das Vergängliche mit dem Ewigen verbindet, durchdringt es sich mit dessen Eigenschaft der Ewigkeit: So wird die Liebe des Menschen zum Menschen wirklich möglich, wenn sie durch die Liebe zu Gott hindurchgeht, im Einklang mit Seinem Gesetz.
Die Sufis lehren uns als Erben des Propheten Muhammad, dass die wahrhaftige Liebe zur Schöpfung jene ist, die durch den Schöpfer hindurchgeht. Das verlangt ein erstes Erwachen, ein Hungergefühl nach den edlen geistigen Speisen, eine Reise, einen den Weg kennenden Gefährten, der uns auf der ganzen Strecke zeigt, wie man von diesen kleinen Bergen des Egos herabsteigt, aus der Finsternis der Bewusstlosigkeit heraustritt, sich aus den Netzen der Selbstgefälligkeit befreit und schließlich der Sonne aussetzt, um im Ozean zu schmelzen und zum Ursprung zurückzugelangen. Denn am Anfang war die Liebe.
Die Liebeserfahrung bei den Sufis ist ein großes Abenteuer. Man kann sich kaum vorstellen, welche Vollendung die Menschheit ohne diesen außergewöhnlichen Ausdruck verpasst hätte.
Zakia Zouanat (1957-2012), Autorin von „Soufisme, quête de lumière” (éd. Koutoubia), dem dieser Text entnommen ist.




