Das Leben des Propheten Muhammad (2/11): die frühe Kindheit
Inhalt

Die frühe Kindheit des Propheten und der Anbruch seiner Bestimmung
Der Prophet Gottes kam im Jahr 570 zur Welt, im sogenannten „Elefantenjahr“. Es war durch einen Feldzug gegen das Heiligtum von Mekka gekennzeichnet, den Abraha, der äthiopische Statthalter des Jemen, auf seinem Elefanten anführte. Beauftragt hatte ihn Chosrau, der mächtige Herrscher der persischen Sassanidendynastie, der entschlossen war, die Pilger von Mekka zugunsten des prachtvollen Heiligtums abzuwerben, das er in Sanaa im Jemen hatte errichten lassen. Gott sandte bei dieser Gelegenheit ein heftiges, gewaltiges Unwetter, das die Elefanten und Kamele seines Heeres in Schrecken versetzte, dazu Seine himmlischen Scharen, um den Feind zu dezimieren und die Mekkaner zu stützen; so berichtet es der Koran: (105,1 bis 5) „Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfuhr? Ließ Er nicht ihre List verlorengehen und sandte gegen sie Vögel in aufeinanderfolgenden Schwärmen, die sie mit Steinen aus gebranntem Lehm bewarfen, und sie so wie abgefressene Halme machte?“
Zu diesen beunruhigenden Ereignissen kamen schwierige Lebensumstände: Āmina, die Mutter des Propheten, konnte ihn nicht stillen und musste ihn zunächst Thuwayba anvertrauen, einer ehemaligen, von Abū Lahab freigelassenen Sklavin. Jener Abū Lahab war in seiner Kindheit ein aufmerksamer Beschützer, wurde dann aber unter den Quraisch zum entschlossenen Feind des Islam, den der heilige Text erwähnt: (Koran 111,1 bis 5) „Verderben über die beiden Hände des Abū Lahab, und er selbst soll verderben! Sein Vermögen und was er erworben hat, werden ihm nichts nützen. Er wird in ein loderndes Feuer kommen, er und seine Frau, die Holzträgerin, an deren Hals ein Strick aus Palmfasern gebunden ist”
Das drückende Klima Mekkas bewog Āmina später dazu, Muhammad einer Amme aus der Beduinenwüste anzuvertrauen, namens Ḥalīma. Die göttlichen Umstände dieser Wahl waren folgende. Ḥalīma begleitete eine Gruppe von zehn Beduinenfrauen, die nach Mekka gekommen waren, um einen Säugling zum Stillen zu finden und sich so ein Einkommen zu sichern. Als der Gesandte Allahs den Ammen vorgestellt wurde, bemerkten sie, dass er ein Waisenkind ohne Mittel war, und wandten sich ab; Ḥalīma blieb gewissermaßen keine andere Wahl, als dieses Kind anzunehmen, das sie sofort liebgewann, was ihr Mann gutheiß. „Von dem Tag an”, erzählte sie, „da ich das Kind annahm, bot ich ihm die Brust. Da schwoll sie wunderbarerweise mit Milch an, bis zur Sättigung, und kam auch seinem Milchbruder zugute”. Ḥalīma berichtet weiter: „Auf unserem Rückweg, mein Mann und ich, von Mekka zu unserem Lager, fanden sich unsere Tiere, die halb verhungert gewesen waren, wunderbarerweise gekräftigt wieder und holten die übrigen Reittiere der Frauengruppe ein, die uns vorausgezogen war”. Und Ḥalīma vertraut uns an, dass sie die Eifersucht in deren Herzen aufsteigen spürte, als sie erfuhren, dass es sich um den Enkel des ʿAbd al-Muṭṭalib handelte.
Von diesem Tag an war das Haus mit Segnungen erfüllt, und das erlesene Kind wuchs an reiner Luft unter den Hirten der Wüste heran. Eines Tages nun, als der vierjährige Muhammad mit seinem Milchbruder und seiner Milchschwester in einiger Entfernung von den Zelten die Schafe hütete, erschienen plötzlich zwei Engel und bemächtigten sich seiner. Sie spalteten ihm die Brust, holten das Herz hervor und befreiten es von einem schwarzen Blutgerinnsel1; sie wuschen es mit weißem Schnee aus einer goldenen Schale; dann wogen sie es (sein Gewicht übertraf das von tausend Kindern, ja das seines ganzen Volkes), setzten das Herz wieder an seinen Platz und zeichneten ihm auf dem Rücken zwischen den Schultern das Siegel der Prophetie; darauf verschwanden sie auf geheimnisvolle Weise. So berichtet der heilige Text: (Koran 94,1 bis 3) „Haben Wir dir nicht das Herz geöffnet? Haben Wir dir nicht die Last abgenommen, die auf deinem Rücken lag? Haben Wir nicht dein Andenken erhöht?“
Als dieses Ereignis vollendet war, nahm Āmina, die Mutter des Propheten Gottes, ihn kurz darauf im Alter von sechs Jahren wieder zu sich nach Mekka. Die in den Schriften bewanderten Juden und Christen hatten schon damals an diesem noch sehr jungen Kind das Siegel der Prophetie bemerkt. Seine Mutter musste leider bald darauf sterben, im Jahr 576, und wurde an einem Ort namens al-Abwāʾ zwischen Medina und Mekka bestattet. Der Prophet Gottes war nun vereinsamt und jeder vertrauten irdischen Zuneigung beraubt2. Muhammad wurde daraufhin wieder von seinem Großvater ʿAbd al-Muṭṭalib aufgenommen, dem Patriarchen, der etwa im Jahr 578 starb; sein Onkel Abū Ṭālib, neues Oberhaupt des Hāschim-Clans, übernahm die weitere Erziehung und ließ ihn, sobald es ging, an all seinen Tätigkeiten teilhaben. So führte er ihn in die Handelsgeschäfte ein und in die harten Prüfungen, die die Expeditionen durch die Wüste mit sich bringen. Dieses außergewöhnliche Kind machte, wie sein Onkel berichtet, durch sein Betragen die ganze Familie glücklich.
So kam es, dass sich im Alter von zwölf Jahren, nachdem er seinen Onkel gedrängt hatte, ihn auf einer Handelskarawane zwischen Mekka und Damaskus mitzunehmen, ein Ereignis zutrug, das dem Onkel die außergewöhnliche Bestimmung seines Neffen offenbarte und bestätigte. Als sich die Karawane nämlich der Einsiedelei des Mönchs Baḥīrā näherte, dem üblichen Rastplatz der Karawanen, bemerkte jener eine Wolke, deren schützender Schatten sich an die Person eines jungen Knaben heftete, Muhammad, und mit ihm zog. Neugierig lud er ihn zum Essen ein, obwohl seine Gefährten ihn ferngehalten hatten, um die ruhenden Tiere zu bewachen. Der Mönch begann ihn auszufragen und stellte fest, als er ihm den Kragen seiner Tunika leicht anhob, das Vorhandensein des „Siegels der Prophetie”, das im heiligen Text angekündigt ist: (61,6) „Jesus, der Sohn der Maria, sprach: O ihr Kinder Israels! Ich bin wahrlich der Prophet Gottes, zu euch gesandt, um zu bestätigen, was von der Thora vor mir war, und euch die frohe Botschaft eines Propheten zu verkünden, der nach mir kommen wird und dessen Name Ahmad sein wird”. Er riet Abū Ṭālib daraufhin, nach Mekka zurückzukehren, um über den kleinen Muhammad zu wachen; dieser, der das Ausmaß der Lage begriffen hatte, antwortete ihm: „O Baḥīrā! Nicht du sprichst, sondern Allah”.
Von Michel Abdallah Grimbert, Schüler der Tariqa Qadiriya Boutchichiya.

Vertiefende Lektüre
- Das Leben des Propheten Muhammad (1/11): die haschemitische Linie
- Das Leben des Propheten Muhammad (3/11): Ehe und Reife
Footnotes
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Es wird überliefert, dass alle Wesen aus der Nachkommenschaft Adams diesen schwarzen, dunklen Punkt in sich tragen und dass nur Maria und ihr Sohn davor bewahrt blieben. ↩
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Koran 93,1 bis 11: „Bei der Helligkeit des Tages! Bei der Nacht, wenn sie sich ausbreitet! Dein Herr hat dich weder verlassen noch gehasst! Ja, das künftige Leben ist besser für dich als dieses. Dein Herr wird dir bald Seine Gaben gewähren, und du wirst zufrieden sein. Hat Er dich nicht als Waisen gefunden und dir Zuflucht gewährt? Er fand dich irrend und leitete dich. Er fand dich arm und machte dich reich. Darum den Waisen: bedränge ihn nicht. Den Bettler: weise ihn nicht zurück. Und von den Wohltaten deines Herrn: erzähle sie”. ↩



