Die Anbetung des Wandernden
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„Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mir dienen” (Koran, Sure 51, Vers 56).
Mit diesem koranischen Vers ist es vorbei mit der Litanei zerebraler Grübeleien über den Sinn der Existenz! Die Dschinn und die Menschen, das heißt die unsichtbare und die sichtbare Welt, haben nach dem Koran keine andere Bestimmung, als Gott zu dienen. Eine einzige Bestimmung, aber welche! Königlich, absolut, unendlich: Der Sinn der Existenz zielte auf nichts anderes ab als auf ein Eintauchen in den Ozean der göttlichen Liebe.
Gewiss, für einen Muslim vollzieht sich die Anbetung durch die Verrichtung einer Gesamtheit vorgeschriebener Riten (das Gebet, das Fasten usw.), auf Arabisch „ʿibādāt” genannt, ein Begriff, den man mit „Akte der Anbetung” übersetzen kann. Aber im Islam gelten die Taten nur kraft der Absicht. Die Intensität, die Aufrichtigkeit, die Ausrichtung des Herzens bilden den eigentlichen Geist eines jeden Wortes, eines jeden menschlichen Unternehmens. Die der Absicht beigemessene Bedeutung ist so groß, dass sie über die Verwirklichung der Taten obsiegt, die ihrerseits Gott zufällt. Man kann die zahllosen Grade der Anbetung erahnen, die eine Tat annehmen kann, und nicht nur eine rituelle, als ebenso viele Seinsweisen, wobei die Vortrefflichkeit darin liegt, „Gott zu dienen, als sähe man Ihn”.
Der urzeitliche Bund
Der Koran berichtet, wie Gott alle Seelen, damals in einem immateriellen Zustand, im Verlauf einer außerzeitlichen Sequenz bezeugen ließ, die bis zu den Ursprüngen der Schöpfung zurückreicht. Indem Er Sich ihnen offenbarte, fragte Er sie: „Bin Ich nicht euer Herr?“. Worauf sie alle ohne Ausnahme antworteten: „Doch, wir bezeugen es!”. Und so wurde das besiegelt, was die Muslime den „urzeitlichen Bund” (mīṯāq) nennen, einen Liebesbund, in dem das Herz eines jeden Menschen sich in die unaussprechliche göttliche Schönheit verliebte. Trotz der vergesslichen Natur des Menschen bewahrt jeder eine unauslöschliche und geheime Spur dieser Schau in sich.
Es ist hier wohl von Erkenntnis die Rede. Nicht von erworbenen Kenntnissen, sondern von der wahren Erkenntnis, der des Göttlichen. Jener, die jedes Wesen in seinem Herzen birgt, jener, die das letzte Ziel jeder geistigen Suche ist, jener, die erfordert, innere Wege zu beschreiten.
Für den Wandernden, der sich auf diesem Weg der Rückkehr zum Wesen befindet, verziehen sich die Schleier des Vergessens, sodass die Sehnsucht nach der geschauten Schönheit sehr intensiv werden kann. Die islamische Kultur wimmelt von jenen geistigen Gedichten (Rābiʿa al-ʿAdawiyya und Rūmī bieten uns einige der bekanntesten darunter), die den Schmerz der Trennung besingen, die verzweifelte Suche und manchmal die Seligkeiten der Vereinigung. Die ganze Schöpfung wird dann zum vibrierenden Ruf, zum Liebesgesang Gottes an den Menschen. Übrigens kann der arabische Begriff „āyāt” (Zeichen) ebenso gut die offenbarten Verse bezeichnen wie die Elemente der Natur, über die der Mensch meditieren soll. Und wenn sich die Schönheit oder die Majestät dem Wandernden durch die Schöpfung offenbaren, so geschieht es im Widerhall der urzeitlichen Prägung von Schönheit und Majestät, die Gott auf sein Herz gelegt hat.
Die Prägung der Schönheit
Für die Sufis erschuf Gott die Welt aus Liebe: Die Liebe erzeugt die Schönheit, die ihrerseits die Liebe erzeugt. Die ganze Schöpfung ist die Manifestation dieser ewigen Bewegung, deren Ursprung das göttliche Wesen ist.
Wenn der Mensch auch vergesslich ist, so kann die urzeitliche Prägung der Schönheit dennoch nicht ausgelöscht werden. Wenn durch eine Wirkung der göttlichen Gnade ihr Gedächtnis wieder an die Oberfläche kommt, spielt sich der ewige Liebesaustausch erneut ab. Das Wandern besteht dann darin, sich gegen die trügerischen Scheinwesen zu wappnen und das geistige Herz von den Krankheiten zu läutern, die seine Fähigkeit begrenzen, die in der Schöpfung vergrabenen „verborgenen Schätze” zu erfassen. Und wenn er in der Betrachtung der unendlichen Schönheit des Geliebten vernichtet ist, dann ist der Mensch nur noch ein reiner Widerschein der göttlichen Liebe.
Ich schweifte mit meinem Blick umher Und sah nur Dich, o Du, den ich liebe! Ohne Dich hätte die Liebe keinen Geschmack Für den, der liebt. Ich habe meine Beweisführung In Deiner Liebe verloren, Wer so seiner entledigt ist, Kostet die innige Nähe. Ich habe die Schleier der Ehrfurcht In einem Überschwang zerrissen, Und der in Deiner Liebe erlittene Schmerz Erwies sich als köstlich. Es darf keine Klage in der Liebe geben, selbst im Zerreißen, Und Schande über die Liebenden, Die zu wimmern beginnen, Wenn Deine Liebe sie prüft! Vorher war ich niedergedrückt Von der Trennung und der Ferne. In der Trägheit der einsamkeitsvollen Nacht Kannte mein Schmerz keine Ruhe. Da erschien die Morgenröte meinen Augen In ihrer ganzen Pracht, Und nun bin ich in die universalste Einheit eingetaucht, O Du, der Herr der Welten!
Nathalie Izza




