Anonyme Sentenzen der Sufi-Tradition

Inhalt

Sprüche, deren Zuordnung in den Archiven von tariqa.fr nicht angegeben ist: Die Weisheit der Sufis wandert manchmal namenlos, von Meister zu Meister.

Anonym: die Last seiner Brüder tragen

Eines Tages kam ein Schüler zu seinem Scheich und sprach zu ihm: „Meister, heute findet man kaum noch Brüder, keine wahren Fuqarā. Niemand nimmt sich mehr Zeit für andere; jeder kümmert sich nur noch um sich selbst.“ Der Scheich antwortete ihm: „O mein Sohn, wenn du Brüder suchst, die dir helfen, deine Last zu tragen, dann ist es wahr, da gibt es nicht viele. Suchst du aber Brüder, um ihnen zu helfen, die ihre zu tragen, dann wirst du viele finden.“

Anonym: ich vergesse Ihn, der mich nie vergisst

Ich habe einen Geliebten, den ich mit vielen teile. Sie sind die Gerechten, und ich bin gemein durch all die Befleckung meines Gewands. Ich vergesse Ihn, der mich niemals vergisst.

Anonym: wären nicht die Unbilden dieser Welt

Wären nicht die Unbilden dieser Welt, wir kämen in der anderen Welt noch bedürftiger an als einer, der keinen Heller in der Tasche hat.

Anonym: der, dessen Herz gestorben ist

Die Menschen sind erstaunlich. Sie beweinen den, dessen Leib gestorben ist, und klagen nicht um den, dessen Herz gestorben ist, obwohl dieser Verlust der schwerere ist.

Anonym: der wahre Sinn der Klage

Es gibt Schlimmeres als den, der prahlt: den, der klagt.

Anonym

Verkaufe nicht zu billig die Sprache des Herzens für die der Worte. Und das innere Schauen nicht für Hörensagen.

Anonym

Was das Durchhalten auf dem Weg zur „Wohnstätte des Friedens“ (Koran 6, 127) ermöglicht, die bewohnt sein wird an dem Tag, an dem „Wir die Menschen je mit ihrem Führer rufen“ (Koran 17, 71), ist das Festhalten am erkennenden Führer, der in Weisheit zu Gott einlädt und ein aufrichtiger, treuer Ratgeber ist. Sein uneigennütziger Rat wird dem Murīd um Gottes willen geschenkt. Der Führer, der von seinem Murīd Geld, Dankbarkeit oder gar einen Lohn im Jenseits erwartet, taugt nicht, irgendwen zu führen, und seine Ratschläge bleiben wirkungslos. Dazu erging an Seinen Gesandten, Friede und Segen seien auf ihm, die Weisung Gottes: „Sprich: Ich erheische von euch keinen Lohn“ (Koran 42, 23). So handelt ein vollkommener Scheich.

Anonym

Auf einen, der vor ihm die Anspielungen auf die geistigen Wirklichkeiten mehrte, antwortete ein Meister: „Mein Bruder, wenn du die Gebote Gottes und Seine Verbote befolgtest, ginge es dir besser.“

Anonym

Unser Weg eignet sich nur für die, deren Ego begonnen hat, sich von seinen Kehrichtanhäufungen zu reinigen.

Anonym

Es sind keine Tränen, die aus meinen Augen fließen; es ist meine Seele, die Tropfen um Tropfen zerrinnt.

Anonym

Das Versiegen des Dhikr ist das Zeichen des Ausschlusses.

Anonym: der Atem, der für anderes als den Dhikr verloren ging

Wenn der Faqīr stirbt, bereut er nichts von dem, was er hier zurücklässt, außer den Atem, der für ihn in anderem als dem Dhikr Allahs verloren ging.

Anonym: kanntest du meine Barmherzigkeit nicht?

Jemand sah Bischr al-Ḥāfī (gest. 150 n. H.) im Traum und fragte ihn: „Als du in der anderen Welt ankamst, was hat der Herr zu dir gesagt?“ Bischr antwortete ihm: „Er machte mir Vorwürfe: Warum hattest du so große Furcht vor Mir auf Erden? Kanntest du Meine Barmherzigkeit und Meine Freigebigkeit nicht?“

Anonym: die Niederwerfung des Herzens

Wirft das Herz sich nieder? Ja! Und von dieser Niederwerfung erhebt es sich niemals.

Anonym: beten lernen

Jemand bat einen Sufi: Lehre mich beten. Zwecklos, antwortete ihm der Meister. Du bist bereits nichts als ein Gebet. Ich verstehe nicht! Seit Monaten versuche ich, Gott zu beten, und es gelingt mir nicht! Du hast mich gebeten, dir das Beten beizubringen. Von Gott hast du mir nichts gesagt. Das permanente Gebet, in dem du dich gefällst, ist auf deine Nachbarn ausgerichtet, deren Meinung über dich dich unablässig beschäftigt. Du betest ununterbrochen einen Götzen aus Silber an, denn das ist es, was du begehrst. Und einen anderen Götzen aus Sicherheit, und noch weitere … Betest du so viele Götter an, wundere dich nicht, wenn in dir kein Platz für ein anderes Gebet ist.

Anonym: nimm Gott zum Freund

Nimm Gott zum Freund. Es beruhigt einen Fremden, in einem unbekannten Land einen Vertrauten zu finden.

Anonym: der Dienstweg

Ein Bettler wandte sich eines Tages an einen König, um ihn um ein Almosen zu bitten. Der König sagte zu ihm: „Wende dich an Gott!“ Der Bettler erwiderte ihm: „Das ist bereits geschehen.“ Der König fragte ihn nun: „Was hat Er dir geantwortet?“ Der Bettler sagte zu ihm: „Er hat mir geraten, mich an dich zu wenden.“ Da wandte sich der König an seine Diener und sprach zu ihnen: „Endlich einer, der den Dienstweg einhält! Gebt ihm, was er braucht.“

Anonym: wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen, Ihm zu danken

Ein Gelehrter schrieb einem seiner Brüder: Wir genießen so viele göttliche Wohltaten, dass wir sie trotz unserer sehr zahlreichen Sünden nicht aufzuzählen vermögen. So wissen wir nicht, womit wir anfangen sollen, Ihm zu danken: damit, dass uns die Gunst Seiner Güte zuteilwurde, oder dass Er unsere schlechten Taten verborgen hat.

Anonym: viele lesen wie der Esel

Viele lesen so, wie der Esel die Melone frisst, die er im Schlamm zertrampelt hat.